St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Ökumenischer Kreuzweg der Jugend: „ER-LÖSE UNS“

© Walter Plümpe

03.04.2012 / Redaktion

BERLIN. Nicht wenige Passanten in Kreuzberg wundern sich. 35 Jugendliche folgen einem Holzkreuz? In den Händen ein Gebetsposter. Es sind Teilnehmer des Ökumenischen Jugendkreuzwegs (JKW), unterwegs von der Ev. Christuskirche in der Hornbachstraße zur ev.-methodist. Christuskirche in der Dieffenbachstraße. Unterwegs legen sie Gebetspausen ein in der kath. St.-Bonifatius-Kirche und auf dem Dreifaltigkeits-Friedhof. Motto: ER-LÖSE UNS.

Die Pfarrer Heiko Schulz und Ulrich Kotzur haben den JKW mit einigen Jugendlichen vorbereitet. Zum zweiten Mal für Kreuzberg. Eine Gebetsbrücke seit 54 Jahren zwischen der Jugend im Osten und Westen. Zwischen den Konfessionen und Generationen. Heute mit eindrucksvollen Großfotos von Personen: Schauspieler der Passionsspiele 2010 in Oberammergau sollen zum Nachdenken anregen, worüber es im Leben wirklich geht.

Jugendkreuzweg 2012, Station in St. Bonifatius Schon das Eröffnungslied spricht existentielle Fragen an: „Dir bringen wir die ungelebten Träume, die Schritte, die wir nie gegangen sind, die unerfüllte Sehnsucht und die vertane Zeit. Sei in unseren Ängsten, halte zu uns, Gott, und sei uns nah. Dir bringen wir die ungeliebten Lieben, die Worte voller Wut und Ignoranz, die ungetanen Taten und das verspielte Glück. Sei in unserm Scheitern. Dir bringen wir die Fragen, die uns quälen, die Trauer, die sich nicht vertreiben lässt, den Tod, der uns begleitet, den Schmerz, der Wunden schlägt. Sei in unserm Sterben. Dir bringen wir die Hoffnung auf ein Morgen, das uns den Abend wieder loben lässt, das einen Tag voll Sinn, voll Licht und Wärme bringt. Sei in unsrer Hoffnung.“

„Blicken wir auf Gott! Er erlöst uns zu prallem Leben und ebnet den Weg der Befreiung für uns“, empfehlen die Pfarrer zum Aufbruch. Denn Gemeinde sei immer Gemeinde in Bewegung auf die Menschen zu. „In dieser Bewegung des Evangeliums ist sie Gemeinde für andere, für die Menschen vor Ort.“ Christus bewirke ein permanentes Hinausgehen aus Versammlungen, dieses Hinaustreten Gottes aus sich selbst, hin zu den Menschen, gelte es nachzuvollziehen. „Wir kommen von einem Mittelpunkt her, strömen, von ihm ausgehend, hinaus zu den Menschen, kehren, Kraft sammelnd, zum Kern zurück, um wieder aus uns herauszutreten.“
Unter den Teilnehmern auch Lily (13) von der Sophie-Scholl-Schule. Sie hat erst am Morgen per SMS vom JKW erfahren und ist kurzerhand zusammen mit einigen Messdienerinnen von St. Bonifatius gekommen. Mit ihnen hört sie kurze biblische Abschnitte und Mediationen zum Prolog (Tempelreinigung) und zu den sieben Stationen bis zum Ziel: Getsemane, Petrus, Judas, Urteil, Kreuzigung, Tod, Grablegung. Jede Station schließt mit dem Liedruf „Löse uns, erlöse uns, du, Gott, erbarm dich unser.“ oder dem Kanon „Halte mich, Gott, halte mein Leben. Lass mich nicht fallen in dunkler Nacht. In tiefer Not sei meine Rettung. Halte mich. Halt´ mich Gott.“

Jugendkreuzweg 2012, Station auf einem Friedhof. Passend zu jeder Station wird ein Großfoto aus Oberammergau projiziert oder gezeigt. So fällt es leichter, sich in den teilweise fremden Kirchen, auf dem Friedhof und erst recht auf den belebten Straßen auf das Leiden Christi zu konzentrieren. Hilfreich auch die knappe, packende Sprache der kurzen Gebete zu jeder Station. Der Text zur Kreuzigung lautet: „Wenn einer zuschlägt und wir sehen weg, reiß uns die Augen auf, Gott, erlöse uns von unserer Blindheit. Wenn einer schreit und wir hören nicht hin, reiß uns die Ohren auf, Gott, erlöse uns von unserer Taubheit. Wenn Menschen in Not sind und wir nichts tun, reiß uns aus dem Sessel, Gott, erlöse uns von unserer Trägheit, erlöse uns von dem Bösen. Amen.“

Zu jeder der sieben Stationen wird von Teilnehmern eine große farbige Holzperle auf eine Schnur gefädelt. Am Ende löst sich das Rätsel: Alle bekommen eine Mini-Kette zum Selbergestalten und ein „Perlengebet“ auf einem Zettel. Wieder kurze Sätze zu den Stationen des JKW. Tempelreinigung (Band): Dir will ich mit ganzem Herzen begegnen, Jesus, mein Heiland und Erlöser. Getsemane (schwarze Perle): In meiner Angst sei mir Trost. Petrus (violette Perle): In meiner Feigheit stärke mich durch Deinen Geist. Judas (hellrote Perle): In meiner Schuld sei mir barmherzig. Urteil (blaue Perle): In der Lüge lenke meine Schritte hin zur Wahrheit. Kreuzigung (blutrote Perle): Im Leid lass mich Dein Gesicht erkennen. Tod (Kreuz): In Tod und Verlassenheit umarme mich. Grablegung (goldbraune Perle): Du hast uns von dem Bösen befreit. Maria Magdala: (Epilog, grüne Perle): Jesus, mein Heiland, meine Hoffnung! Mein Herr und mein Gott. Lob und Preis sein dir. Amen.

Die Auseinandersetzung mit der Passion Jesu auch in Kurzinterviews mit den Darstellern auf den Fotos, die Fragen an die Auferstehung und an das eigene Leben enden mit dem Schlusslied „Leben aus der Quelle“. Der Refrain: „Leben aus der Quelle, Leben nur aus dir, Leben aus der Quelle des Lebens.“ Die drei Strophen: „Und du erforscht mich, veränderst mein Denken, nur noch aus dir will ich leben, o Herr. Hilfst mir zu schweigen und auf dich zu warten, nur noch aus dir will ich leben, o Herr. Willst mich gebrauchen als Salz für die Erde, nur noch aus dir will ich leben, o Herr.“

Jugendkreuzweg 2012: Ökumene zum Greifen, Christen in Bewegung. Ein Verlassen der Kirchenräume, um als christliche Gemeinden auf den Straßen Berlins zu zeigen, „wo unser Herz schlägt“ (Pfarrer Heiko Schulz). Wiederholung in 2013, damit erfahrbar wird: „Ostern ist das Fest derer, die glauben, dass Gott auch die schlimmsten Niederlagen in Siege, das tiefste Leid in Freude und selbst den Tod in Leben verwandeln kann.“ (Dietrich Bonhoeffer)

Walter Plümpe, 31.03.2012