St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Gastfreundschaft

v.l.n.r. Akram, Muḥammad, Daniel © Daniel Castillo

20.10.2015 / Redaktion

[Dieser Erfahrungsbericht basiert auf persönlicher Meinung und Erfahrung. Es wird nicht der Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhoben.]

Wie aus der „perfekten Flüchtlingsfamilie“ zwei männliche Gäste und ein Foto wurden.

Seit dem Treffen im Pfarrsaal zum Thema „Unterkünftige für Menschen auf der Flucht“ vor zwei Wochen beschäftigt sich eine kleine Gruppe aus diesem Kreis mit der planungstechnischen und operativen Umsetzung des ausdrücklichen Wunsches der Gemeinde, aktiv zu werden. Vergangene Woche - nach einem kleineren Treffen im Kreuzberger Himmel - konnte dann bereits verkündet werden „Wir sind bereit Gäste aufzunehmen“. Allein die überwältigende positive Haltung zu dieser Herausforderung seitens der Gemeinde und das schnelle Handeln ist bereits ein Erfolg.

Glücklicherweise – so kann man es wohl ausdrücken – war an jenen zwei Tagen scheinbar kein Mensch in einer akuten Notsituation für Unterkunft. Vielleicht waren auch die Informationskanäle noch nicht geschaffen worden. Vor Ort konnten Sebastian Bock und ein weiterer „Macher“ aus unseren Kreisen jedoch als Fahrdienst unterstützen. Auch Mobilität ist eine Herausforderung. Insbesondere zu später Stunde ist Hilfe willkommen. Diese Woche folgte ein weiteres Treffen mit einem Resümee und einem Ausblick auf die nächsten Schritte. Es zeigte sich, dass die Einschätzung des Bedarfs nicht leicht ist. Die Hoffnung kam auf, dass die offiziellen Stellen nun endlich ihrer Verpflichtung nachgekommen sind, ausreichende Notunterkünfte zu stellen. Ein Fokus auf mittelfristige Unterkünfte für Familien scheint der richtige Weg zu sein. Die bittere Realität ist, so zeigte sich, dass bislang noch nicht genug von den offiziellen Verantwortlichen getan wird. Ebenso, dass Bedarf sehr wechselhaft ist und wir erste Schritte in einem Feld machen, das uns nicht vertraut ist. Aber wir machen dies mit Herz und aus Überzeugung.

Seit Sonntag erreichen mich per Anruf, SMS oder Nachricht auf Facebook Anfragen nach Unterkünften. Ebenso stolpere ich förmlich über offene Anfragen in den entsprechenden Foren auf Facebook mit den Attributen „DRINGEND“ oder „FÜR HEUTE NOCH“. Offenbar haben sich die Kanäle verbessert. [Während des Verfassens dieses Berichts wurde auf Facebook folgende Anfrage gestellt: „Ihr Lieben, ich habe ein Problem. Eine junge Armenierin (russischsprachig) wird heute 18 und muss sofort (!) aus dem Hostel für Minderjährige ausziehen... Bitte: ein sicherer (!!!) Platz für das Wochenende für das Mädchen... Keine alleinstehenden Männer“ Ich könnte solche Anfragen laufend hier aufführen.]

Es handelt sich dabei primär um Frauen, Frauen mit Kindern oder Familien. Denn zu Recht werden die schwächsten besonders geschützt. Und es ist schön zu sehen, dass sehr schnell Lösungen gefunden werden. Da geht man oft „leer aus“, wenn man einer Familie etwas anbieten möchte. Klingt blöd. Ist aber so. Und das ist auch gut so! Denn das bedeutet, dass es viele Menschen mit Herz, Mut und Engagement gibt. Und es ist zu hoffen, dass nicht ein Gefühl des Überflusses an Angebot aufkommt, welches dazu führt, dass sich das Engagement reduziert. Es werden mehr kommen. Garantiert. Leider – denn das heißt, dass nach wie vor Regionen nur unzumutbare Lebensumstände bieten können.
Ebenso stelle ich fest, dass ein gewisser Wettlauf um die gute Tat festzustellen ist. Vor Ort am LaGeSo ist das Engagement der Kurzzeithelfer besonders groß, wenn es darum geht Essen auszuteilen und den Menschen in die Hand zu geben. Bei Arbeiten hinter den Kulissen, finden sich deutlich weniger dieser Helfer. Ebenso bei Anfragen nach Unterkünften. Dass bei der Verteilung vor Ort insbesondere Augenmerk auf Frauen und Kinder gelegt wird, ist gut und richtig. Dass beim Anbieten von Unterkünften aber explizit um Frauen und Kinder oder Familien gebeten wird, ist in meinen Augen zumindest fraglich. Sicherlich aber nicht falsch.

Mittwoch las ich folgende öffentliche Anfrage seitens einer Helferin, mit der ich bereits in Kontakt stehe: „Suchen dringend private Unterkunft für 5 Leute. Eine schwangere Frau, eine weitere Frau, ein Mann und zwei Kinder. Hat jemand eine Idee? Für heute Nacht!“
Da konnte ich einfach nicht mehr an mich halten. Sofort Kontakt aufgenommen und mitgeteilt, dass ich mich „bei uns“ (gemeint ist die Gemeinde) erkundigen werde, wer die Schlüssel zur Gästewohnung hat, und dass ich eine Lösung finden werde. Im Zweifel auch gerne bei mir zuhause. Meine Freundin Josefine Brittinger (Josie ist derzeit verreist) und ich haben ein kleines Gästezimmer und im Wohnzimmer ist auch Platz. Einzig, nichts tun geht nicht.
Ich versuche mit Sebastian Kontakt aufzunehmen. Kurze Zeit später meldete er sich zurück, er sei nicht in Berlin. Aber er kümmere sich um Kontakt zu jemandem mit dem Schlüssel. Es folgten mehrere Nachrichten und Anrufe in alle Richtungen. Parallel wurde auch nach weiteren Lösungen seitens der Helferin vor Ort geschaut, da nicht klar war ob es bei uns in der Gästewohnung klappen würde und eine größere Wohnung meiner zu bevorzugen wäre. Sebastian stellte den Kontakt zu Hatice her und sie sagte sofort Unterstützung zu, nicht nur beim Aufschließen der Wohnung.
Nun ist es so, dass die Wohnung nur für zwei Nächte frei war. Daher entschied sich die Familie, es doch noch in einer Notunterkunft zu versuchen, mit der Aussicht auf längerfristige Unterkunft als für zwei Nächte. Sehr verständlich. Auch wenn die Umstände in diesen NOTunterkünften sehr fraglich sind – vorsichtig ausgedrückt. Und der Aufenthalt auch nicht gerade kurz.
Mittlerweile war es ca. 20:30 Uhr und die Helferin rief mich erneut an, ob zwei Männer bei mir unterkommen könnten. Noch wäre Zeit, sie in die Gästewohnung zu bringen, aber sie würden es bevorzugen irgendwo hinzukommen, wo sie jemanden hätten, den sie ansprechen könnten. Sofort sagte ich zu. Versuchte noch Josie in der Türkei über Handy zu erreichen, um Rücksprache zu halten. Eigentlich nur Formsache, denn wir haben die gleiche Einstellung zu Gastfreundschaft. Aber irgendwie klappte der Kontakt nicht. Nun denn, ab ins Auto und hin zum LaGeSo.
Euphorie? Offen gestanden, nein. Tatsächlich hatte ich gemischte Gefühle. Ich weiß nicht, was mich für die nächsten 12 Stunden erwartet. Angst? Vielleicht. Zumindest Unruhe. Und das ist mir auch nicht peinlich. Gastfreundschaft hin oder her. Ich gehe ja auch nicht durch die Fußgängerzone und fische mir zwei unbekannte Personen und hole sie in mein Zuhause. Es ist meines Erachtens in Ordnung normale Vorbehalte zu haben - in Abgrenzung zu Fremdenfeindlichkeit natürlich. Mittlerweile erreichte ich meine Freundin und sie bestärkte mich darin, dass es das Richtige sei. Auch wenn sie sich Sorgen machte, weil die Situation so wenig greifbar schien und sie so weit weg war. Persönlich war ich auch nicht erfreut dies alleine zu machen, aber irgendwie auch erleichtert, dass meine Freundin nicht zuhause ist. Wenn alle Stricke reißen, dann lieber so.

Vor Ort. Eine andere Helferin empfing mich und stelle mir die beiden Männer vor. Sofort war klar, sie sprechen quasi kein Wort Englisch und ich spreche kein Arabisch. Naja, mit „Händen und Füßen“ heißt es ja immer. Und als Pfadfinder und Weltenbummler sollte das ja alles kein Problem sein. Die Fahrt begann dennoch recht wortkarg. Ich fragte mich, ob sie hungrig seien. Hand zum Mund führen und fragend anschauen! Moment, verstehen sie das? Oder vielleicht denken sie, ich würde wissen wollen, ob sie bereits gegessen hätten. Interessant, wie viel man bedenken muss, wenn man berücksichtigt, dass es bei Kommunikation um das geht, was beim Empfänger ankommt, nicht nur was der Sender meint.
Dank der Technologie! Auf meinem Handy habe ich einen einfachen und guten Übersetzer, der alles auch in arabischer Schrift darstellt. Auch Sätze - so die Hoffnung. Ok, ja, wir gehen in den Supermarkt. Der Einkauf war recht amüsant und wir konnten erstmals gemeinsam lachen. Und das nur, weil einer der beiden offenbar Champignons nicht mag und dies mit einer Grimasse klar machte.
An der Kasse wollte der andere bezahlen. Er hatte 50 € im Portemonnaie. Ich tippte in mein Handy, dass sie meine Gäste seien und ich nicht akzeptieren kann, dass sie zahlen. Ich denke, das wirkte nicht arrogant, zumal Gastfreundschaft in ihrem Kulturkreis einen hohen Stellenwert hat.

Zu Hause angekommen zeigte ich ihnen alles, bot Dusche an und eine Luftmatratze zusätzlich zur Schlafcouch. Alles wurde abgelehnt, offenbar in der Bemühung keine Umstände zu bereiten. Nun denn, erstmal ankommen. Ich tippte in mein Handy, dass mir die Regeln zu „halal“ (arabisch für „erlaubt/zulässig“) Essen bekannt sind. Ist auch recht einfach, denn es ist alles erlaubt, außer was ausdrücklich verboten ist. Daran kann man sich leicht halten.

Mein einer Gast hieß Akram, der andere – ich bitte um Entschuldigung – hatte einen unglaublich langen Namen und für meine westliche Zunge eine zu große Herausforderung. Auch als er seinen Namen auf meine Bitte hin aufschrieb, half das wenig. Ich kann keine arabischen Schriftzeichen lesen. Wir mussten alle lachen, weil er es so selbstverständlich hingeschrieben hatte. Ich nenne ihn hier fortan Ali, weil ich ihn fälschlicherweise so nannte. Auf einem Zettel hatte Akram das Wort „Ali...“ geschrieben. Erst heute weiß ich, dass das „Aliraqi“ bedeutet und auf seine Herkunft (der Iraker)verweist, nicht auf den Namen seines Begleiters. Wir versuchten uns zu unterhalten. Selbst einfache Fragen waren manchmal unmöglich, da die Technologie ihre Grenzen hat und offenbar manchmal völligen Unsinn übersetzt. Wir tauschten uns aus, wie es mit den Familien aussieht und wo wir herkommen. Ich meine, bevor ich jemanden „ausfrage“ erzähle ich erstmal, wo ich selbst herkomme. Schien mir höflicher. So kamen wir dann auch zum Punkt ihrer Herkunft und ihres Wegs bis Berlin. Dazu bemühten wir zwei Handys zum Übersetzen, ein Blatt Papier zum Aufschreiben und einen Laptop mit einer digitalen Weltkarte. Umständlich, aber es hat geklappt. Sie kommen beide aus dem Irak. Akram stammt aus Falludscha und Ali aus Bagdad. Zu ihrer Freude und Verwunderung konnte ich berichten, dass mein Vater vor Jahrzehnten öfter in dieser Region geschäftlich unterwegs war - auch in Bagdad. Das scheinen sie nicht oft zu hören.

Später erreichte ich Josie und erzählte u.a. dass ich unseren Gästen nur schwer verständlich machen könnte, dass sie sehr gerne die Dusche nutzen können. Pragmatisch sagte sie, ich solle ihnen einfach zwei Handtücher und Shampoo hinlegen, wie das normalste der Welt. Das würde sich dann schon finden. Fazit, beide haben geduscht.
Am nächsten Morgen haben wir gemeinsam Kaffee getrunken. Ich bat sie meinen Kontakt in ihren Handys zu speichern und nicht zu zögern mich zu kontaktieren wenn sie etwas benötigen. Sei es heute, morgen oder irgendwann. Sei es Unterkunft oder sonstiges, Kontakt zu medizinischer Versorgung (via Josie und eines Bekannten) oder was auch immer anfällt. Sei es auch nur, um mal Wäsche zu waschen.

Dann habe ich sie zum LaGeSo gefahren. Auf dem Weg fragte ich, was sie von Beruf seien. Irgendwie hatte ich mich mit Fragen zurückgehalten. Ich konnte mir vorstellen, dass sie im Amt bereits genug mit Standardfragen gelöchert wurden. Nun, jedenfalls war Ali Polizist und Akram Fahrer für Schwertransporte. Glaube ich. Die LKWs an der Ampel neben uns hielt er für recht klein.
Es folgte ein für mich besonderer Moment. Akram machte ein Foto von uns dreien im Auto. Ich selbst hatte keine Fotos gemacht, weil ich am LaGeSo oft das Gefühl hatte, dass viele Gelegenheitshelfer „dokumentieren“ was für gute Menschen sie sind. Unpassend. Umso schöner, dass der Impuls von Akram aus ging. Er wollte mir das Foto über Facebook senden. Aber finden Sie mal „Daniel Castillo“ auf Facebook mit arabischer Schrift oder „Akram“ in lateinischer Schrift, wenn er sein Facebook-Profil auf Arabisch ist. Erneut großes Lachen. Wir schafften es dann über Umwege. Es folgte der Abschied. Wir reichten uns die Hände. Als wir uns am Abend zuvor an gleicher Stelle erstmal die Hände reichten, waren meine Emotionen noch sehr anders. Es war schön Gäste zu haben.

Wer zum LaGeSo geht wird feststellen, dass bestimmt 80 % der Menschen Männer sind. Es ist gut Kinder und Frauen zu bevorzugen, aber man sollte die anderen 80 % der Menschen nicht vergessen. Ebenso wird man feststellen, dass man nicht jeden der dort anzutreffenden Menschen zu sich nach hause nehmen würde. Das ist ebenfalls ok. Wie gesagt, wir würden ja auch nicht jeden Passant aus der Fußgängerzone mitnehmen. Aber man wäre wohl verblüfft, dass viele derer, die man als „kritisch“ betrachten würde, doch ganz normale Menschen sind, die in eine Notsituation gekommen sind und Hilfe benötigen. Man lege mir diese Zeilen nicht böswillig aus.

Ebenso herrscht Unsicherheit in puncto Hygiene und Gesundheit. Sicherlich ist es unter den gegeben Umständen für diese Menschen nicht einfach, ihrer gewohnten Körperpflege nachzugehen. Könnte ich unter diesen Umständen auch nicht. Wenn ich mit den Pfadfindern nach zwei Wochen aus einem Sommerlager zurückkomme, ist es manchmal bestimmt eine Zumutung, neben uns im Zug oder Bus zu sitzen. Nichts Vergleichbares habe ich am LaGeSo oder gar mit meinen Gästen erlebt!

Die Annahme ist zulässig, dass die Mehrheit der Menschen bestrebt sein wird, sich nach besten Möglichkeiten zu pflegen. So auch die Menschen im LaGeSo. Wie gesagt, nach besten Möglichkeiten. Ihnen diese zu bieten liegt an uns. An den offiziell Verantwortlich - die da versagen - und an uns Bürgern.
Zu meinen Gästen kann ich sagen, dass mein 3- bis 5-Tage Bart gegen die akkurate Rasur von Ali und Akram klar das Nachsehen hat. Ebenso waren die Hände perfekt gepflegt. Mir fällt immer wieder auf, dass Menschen aus diesem Kulturkreis sehr auf sich achten und Wert auf ein gepflegtes Äußeres legen.
Ebenso lässt das Herz vieler Deutscher wohl höher schlagen, dass sie unaufgefordert die Schuhe zuhause ausziehen. (Hier muss ich gerade selbst über „typisch deutsch“ lachen) FAZIT Es ist meiner Meinung nach OK unsicher zu sein, Ängste zu haben. Aber man sollte diese aktiv angehen. Fremdenangst? Kein Problem. Aus Fremden kann man Gäste machen. Und aus Angst kann man Wissen machen und sogar Freude.

NACHTRAG Heute ist Freitag. Gestern Abend rief mich eine Helferin von Akrams Handy an und übermittelte die Frage von Akram, ob er mit einer weiteren Person bei mir übernachten könne. Ich freute mich sehr dar­über, denn ich kann mir gut vorstellen, dass es ihm nicht leicht fällt. Aus einem konservativen patriarchalischen Wertesystem einen jüngeren um Obdach zu fragen erfordert sicherlich eine gewisse Überwindung. Da ich bis 22:00 Uhr arbeiten musste, holte ich die beiden erst spät ab. Diesmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weil ich nicht darauf vorbereitet war. An der Turmstraße traf ich auf Akram und einen weiteren jungen Mann. Gegen 23:30 Uhr waren wir endlich zu Hause. So hatte ich heute Morgen die Gelegenheit, auch ein Foto zu machen und zu fragen, ob ich es hier abbilden darf. Zu sehen: Akram, Muhammad, Daniel

Daniel Castillo
Leiter und Stammesvorstand der Pfadfinder in der Gemeinde St. Bonifatius