St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Farbe - Licht - Verheissung

Die drei Ebenen des Altarbildes

01.01.2010 / Redaktion

Wenn ich richtig informiert bin, ist die ästhetische Lösung die wir heute vor Augen haben, eine mehr oder weniger einsame Entscheidung von Pfarrer Daams gewesen. Ungewöhnlich war schon allein der Gedanke, dass es eine ästhetische Lösung sein sollte. Weiter ungewöhnlich war, dass der Pfarrer für die Realisierung dieses Gedankens einen Künstler gesucht hat und die dritte Ungewöhnlichkeit, ja Tollkühnheit bestand darin, einen zeitgenössischen Maler damit zu beauftragen, der kein Kirchenkünstler war, sondern Künstler. Einfach nur Künstler, Maler Fred Thieler.

Einen solchen Schritt zu wagen, das abgesicherte Terrain kirchlicher Binnenkunst zu verlassen und als kirchlicher Auftraggeber auf einen zeitgenössischen Künstler zuzugehen, das war ein Wagnis und ist es bis heute. Kaum ein Pfarrer oder eine Pfarrgemeinde in unserem Bistum hat diesen Schritt tun wollen oder können.Fred Thieler war im Jahre 1969, als er diese Chorrückwandür St. Bonifatius schuff, in der Kunstwelt kein Unbekannter.Der Maler,Jahrgang 1916, gebürtiger Königsberger, war zu diesem Zeitpunkt 53 Jahre alt. Er selbst hat sich einmal als "Spätzünder" bezeichnet, denn er kam erst nach dem 2. Weltkrieg zur Malerei, da war er immerhin schon 30. Das hatte mit seinem nationalsozialistischen Schicksal als sogenannter "Halbjude" zu tun, das ihn 1941 vom eigentlich geplanten Medizinstudium ausschloss.

Als alles vorbei war und er studieren durfte, entschied er sich 1946 für eine ganz andere Richtung, nämlich für die Akademie der Bildenden Künste in München. Er studierte Malerei und dies bei einem Mann, der nicht nur für die Kunst des 20. Jahrhundert von hochrangiger Bedeutung war, sondern - und das ist in unserem Zusammenhang relevant - zu den ganz wenigen Malern gehörte, die zu Beginn des Jahrhunderts religiöse Motive und zeitgenössische Farben und Formensprache miteinander verband. Anders ausgedrückt: der die Botschaft des Evangeliums in einer neuen, sprich expressionistischen Farben und Formensprache als Künstler zu verkündigen suchte. Ich spreche von Prof. Carl Caspar. Er war der große Erneuerer christlicher Malerei in unserem Jahrhundert überhaupt. lm Jahre 1984, sehr sehr spät, ehrte ihn die Kunstwelt mit einer großen.Ausstellung in München unter dem Titel "Carl Caspar und die Erneuerung christlicher Kunst um 1900". Viel zu wenige kennen ihn, obwohl er ein gewaltiges und ausdruckstarkes Gesamtwerk hinterlassen hat. Das hat damit zu tun, dass offizielle kirchliche Kreise seine Malerei ablehnten und in der Kunstszene geriet er in vergessenheit, weil christliche Ikonografie nicht gefragt war. In der Münchner Frauenkirche hängt ein Triptychon in der Krypta und sogar hier in Berlin haben wir einen Kreuzweg von ihm in der HI. Geist-Kirche in Charlottenburg.

Fred Thieler war also Schüler des christlichen Expressionisten Carl Caspar. Wenn die Lehrer gut und stark sind, haben sie die Eigenschaft, ihre Schüler zu prägen. Diese Prägung muss nicht immer auf den allerersten Blick zu erkennen sein, aber sie ist wie eine Art Grundtenor latent vorhanden und man kann diesen Tenor auch dann erkennen, wenn sich christliche Ikonografie nicht unmittelbar auf drängt. Fred Thieler befasste sich nämlich nicht mit der christlichen Bildwelt, sondern wandte sich noch als Schüler von Caspar einer rein abstrakten, das heißt ganz ungegenständlichen Malerei zu, die im Deutschland der 50er Jahre gerade ihren Siegeszug antrat. Aufenthalte in Paris bestätigten ihn in der Richtung, weil er dort französischen Malern begegnete, die eine Variante dieser bildnerischen Abstraktion vertraten, den sogenannten Tachismus - "tache" = Flecken und bis zum Ende seines Lebens blieb er dem Prinzip Abstraktion treu. Seit 1959 lebte er in Berlin, er hatte eine Professur an der Hochschule der Bildenden Künste bis zu seiner Eremitierung im Jahre 1981. Er war an der Hochschule eine Institution, vor allem deshalb, weil er seinen Vorstellungen von künstlerischer Freiheit treu blieb. Er selbst war ein Abstrakter, aber seine Klasse verließen durchaus auch gegenständliche Maler, Aktions- und Videokünstler. Freiheit der Kunst war seine unumstößliche Devise, er förderte alles, was Qualität hatte und verpflichtete niemanden auf seine eigene Linie. 1980-1983 war er auch Vizepräsident der Berliner Akademie der Künste, auf dieser Grundlage kam auch die Stiftung des nach ihm benannten Preises zustande. 1996 feierte er seinen 80. Geburtstag. Die Galerie Nothelfer ehrte ihn mit einer Ausstellung und einem großen Katalog, die Berlinische Galerie mit einer Schau seines Spätwerkes. In seinen letzten Lebensjahren musste er im Rollstuhl sitzen, im Juni 1999 ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.

Die Berliner Kunstwelt kennt die Werke Thielers, Ausstellungen gab es genug, in den Bibliotheken ist er vertreten, Aufsätze und auch Bücher sind über ihn geschrieben worden. Er ist und war ein berühmter Mann. Was die Berliner Kunstwelt aber weniger oder gar nicht kennt, ist diese Arbeit für die katholische Kirche St. Bonifatius: eine Auftragsarbeit für einen Ort, der ganz anders geartet ist, als eine Galerie oder ein Museum, ein Ort, an dem es um Kunst per se, also um ihrer selbst willen nicht geht. Damit hatte Fred Thieler offensichtlich kein Problem, im Gegensatz zu vielen seiner Berufskollegen; und Pfarrer Daams hatte offenbar auch kein Problem, einen Künstler zu beauftragen, der kein offiziell abgesicherter Kirchenkünstler war, dies auch im Gegensatz zu vielen seiner Berufskollegen. Es hatten sich also zwei getroffen, die beide von verschiedenen Seiten auf ein Ziel hinsteuerten, ohne sich wechselseitig Vorschriften zu machen. Ein Traumpaar: der katholische Priester und der freie Künstler treten in einen Dialog und durchbrechen die Schweigemauer zwischen Kunst und Kirche, wie sie seit der Jahrhundertwende aufgebaut worden war und sich in den 20er Jahren extrem und polemisch zuspitzte.

Die Chorrückwand von St. Bonifatius ist nicht die erste Arbeit Thielers für eine Kirche. Die viel größere und umfassendere lieferte er 1966 in der Heilig Geist Kirche in Emmerich am Niederrhein, wo er gewaltige Betonwände farbig gestaltete. Pfarrer Daams hat diese Kirche gesehen und kam zu dem Schluss, dass Thielers spezifische künstlerische Handschrift und seine Fähigkeit,große Formate zu bewältigen, für seinen Altarraum in Frage kommt. Er hat das wohl mehr oder weniger allein entschieden.

Ausgangspunkt war das störende Gegenlicht. "Dies zu beseitigen, ungestört und hinweisend den Blick auf das Zentrum zwischen Altar und Kreuz zu lenken, war die Aufgabe für die Neugestaltung. Sie will nicht für sich und als Bild gesehen werden, aber auch nicht mehr oder weniger sein als eine ordnende, festliche Strahlenfassung" so schrieb Thieler mit seinen Worten. Das Bild ist insgesamt 15 m hoch und 9 m breit, 3 Acryl-Faserplatten die mit Leinwand überzogen sind und in unterschiedlicher Größe staffeln sich übereinander.

Was wir sehen, sind Strukturen, die aus der Farbe entwickelt sind. Sie erinnern, wenn man einen Vergleich aus der sinnlichen Erfahrungswelt bemühen möchte, an Kristalle, an Eisblumen, an Prismen und Berechnungen: Es sind höchst fragile Strukturen, sie sind keiner Statik verhaftet, sie sind transitorisch. Die Farben sind ganz hell, lichtdurchtränkt, lyrisch: ein gläsernes blau, weiß, rosa, violett. Es sind keine Erdfarben, sie sind nicht von dieser Erde, es sind nicht einmal Naturfarben, es sind Farbvisionen. Sie erinnern an P. Klees berühmten ersten Satz aus seiner schöpferischen Konfession: "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder sondern macht sichtbar". Der Maler versucht Unsichtbares sichtbar zu machen, auf niemals gesehene überirdische Schönheit zu verweisen und dies durch die Schönheit der Abstraktion. Die Abstraktion ist Hüterin des Mysteriums. Welch gegenständliche Form, welche konkrete Figuration könnte dieses Rätsel fassen?

Der Gestus der Malerei, der Duktus des Pinsels ist flüchtig, verwischt Konturen und löst jede feste Form auf, öffnen und weiten sie ins Unendliche. Farben, Strukturen, Gestik drängen über alle Grenzen, über sich selbst hinaus. Die gesamte Wand scheint zu schweben, sich selbst zu entmaterialisieren, sie wird zu einem riesigen Tor, zur Passage ins Licht. Davor schwebt das Kreuz, prägnant und gut sichtbar und stimmig. Fred Thieler ist der "Maler des Unbegrenzten" genannt worden, die räumlichen Weiten seiner Bilder legen das nahe. Auch hier ist das so, das gewaltige Lichttor, der Transit aus der Materie heraus ins Licht hinein ist eine Steigerung des gesamtes Kirchenraumes. Die Chorrückwand greift in seinen Strukturen das weit gespannte Sterngewölbe der Kirche auf, das gemauerte Rippennetz wird in noch luftigere und noch fragilere Wirklichkeiten überführt. Es wurde ein Fenster verstellt und gleichzeitig ein viel größeres aufgemacht. Es ist die unendliche Erweiterung des realen Raumes, die Erweiterung in die Ewigkeit, die Sehnsucht des Raumes könnte man vielleicht sagen. Das Licht hier ist schattenlos, es leuchtet aus sich heraus wie einst der Goldgrund auf mittelalterlichen Gemälden. Es ist nicht das Tageslicht von Heute und Jetzt. Es ist das Licht der Verheißung. Thielers ungeheure farbgestische Kraft, die vielen seiner Bilder innewohnt, hat hier in diesem Kirchenraum eine religiöse Dimension erhalten. Man fühlt sich erinnert an die gewaltigen Wortbilder aus der Geheimen Offenbarung des Johannes, an das "gläserne Meer gleich Kristall" als Vision künftiger Herrlichkeit.

Ich meine, dass in St. Bonifatius etwas geglückt ist: ein Zwiegespräch zwischen schwierigen Gesprächspartnern, zwischen Kunst und Kirche. Dieses Gespräch zwischen Malerei und Architektur erinnert daran, dass die Kirche einst Mutter der Künste war, jahrhundertelang. Sie wusste genau warum, sie wusste, dass Kunst Verkündigung ist.

Von Dr. Christine Goetz Kunstbeauftragte des Erzbistums Berlin