St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Der Altarraum der St.-Bonifatius-Kirche

01.08.2008 / Redaktion

„Da wo verkündet wird, soll der Geist flammen“

Die Umgestaltung des Altarraumes war das Anliegen, das Pfarrer Daams seit 1961 zur Verschönerung der Kirche vorantrieb. Er beauftragte damit den Berliner Bildhauer Paul Brandenburg. Dieser gestaltete für St. Bonifatius Altartisch, Tabernakel, Ambo, Taufbecken, Osterkerzenständer und das Hängekreuz. Altarweihe war 1966.

Paul Brandenburg: Ein Bildhauerleben in Deutschland

Paul Brandenburg wurde 1930 in Düsseldorf als Sohn des Oberlandgerichtsrates Leo Brandenburg und seiner Ehefrau Maria, Kunstmalerin und Bildhauerin, geboren. 1936 wurde der Vaters nach Leip-zig berufen. So zog die Familie 1937 nach Leipzig um. Hier lauschte er schon als zwölfjähriger Jugendlicher in seinem Elternhaus den angeregten Diskussio-nen, die seine Mutter mit einigen Freunden, die zu den Gründern des Oratoriums des Hl. Philipp Neri an der Pfarrei Liebfrauen Leipzig-Lindenau zählten, führte. Die Oratorianer sahen sich in der Nachfolge der im Jahre 1548 durch Philipp Neri (1515-1595) in Rom gegründeten Kongregation. Die Zusammenkünfte dieser Priestergemeinschaft wurden im Unterschied zur auf Latein gefeierten Messe mit Gebeten und Gesängen in der Volkssprache sehr lebendig gestaltet. 1948 macht Paul Brandenburg das Abitur. Der Besuch der Kunstakademie in Leipzig aber wird ihm aus politischen Gründen verwehrt. Er macht eine Lehre als Steinbildhauer und volontiert in verschiedenen Gewerken. Außerdem erlernt er Holzschnitzen, Stukkatur, Metalltreiben, Keramik und Töpfern, Intarsien, Mosaiklegen, Bronze- und Betonguß.

1952 siedelt Paul Brandenburg nach Westberlin um. Hier setzt er seine handwerkliche Ausbildung fort. 1953 besucht er die Bildhauerklasse der Meisterschule für das Kunsthandwerk, Westberlin. Ab 1955 dann die Bildhauerklasse von Professor Dierkes an der Hochschule für Bildende Künste, Berlin-Charlottenburg. Hier macht er 1958 den Abschluß.

Ab 1958 erhält er erste bildhauerische Aufträge für die katholische Kirche. Ab 1960/1962 folgen Auf-träge von öffentlicher, privater und kirchlicher Seite. Er arbeitet in Stein, Bronze, Aluguß, Beton, Holz, Keramik, Mosaik.

Es entsteht ein umfangreiches Werk, unter anderem die Innen- und z.T. Außengestaltung von über 140 Kirchen und Kapellen sowie Kreuzwege, Kreuze, Figuren, Portale und vieles mehr. Paul Brandenburg gestaltet Brunnenanlagen, Figuren in Stein und Bronze im öffentlichen Raum, Monumentalplastiken in Stein und Bronze. Er arbeitet für die Bundesbaudirektion im In- und Ausland, gestaltet Wände an Schulen, Schwimmhallen und Industriebauten, und entwirft Fassadengestaltungen in Stein, Alu, Klinker, Betonguß.

Alle Arbeiten werden eigenhändig vom Entwurf bis zur letzten Durcharbeitung durchgeführt.

Der Altarraum in St. Bonifatius im Spiegel des Zeitgeistes

Vorbereitet durch den Kontakt und die Auseinandersetzung mit den Oratorianern, verbunden mit den Neuerungen durch das zweite Vatikanum und die sich hieraus ergießende lebendige Auseinandersetzung mit Kirchenraum und liturgischer Form bot sich somit dem Künstler der zeitgeschichtliche Rahmen, der es möglich machte, liturgische Kirchenausstattung neu zu erspüren und umzugestalten.

Die Gestaltung des Altarraumes in St. Bonifatius stellt eine frühe Arbeit dar, die in der bewegten Zeit der Erneuerung entstand, in der sich sowohl Künstler als auch Ordinariat als Suchende begriffen.

Der oberste Grundsatz der Liturgiereform war die „bewußte, tätige und leicht zu vollziehende Teilnahme der Gläubigen" (conscia, actuosa et facilis participatio fidelium) an den liturgischen Feiern ihrer Kirche. Dem Latein wurden die Volkssprachen als Liturgiesprachen zur Seite gestellt. Die liturgischen Riten wurden vereinfacht. Den verschiedenen Teilnehmern wurden klar abgegrenzte Aufgaben im Gottesdienst zugewiesen.

Besonders sichtbar, vom Konzil aber nicht unmittelbar angeordnet, war bei der Eucharistie der fast überall veränderte Standort des Priesters am Altar. Er hält jetzt in der Regel, häufig an einem neu errichteten „Volksaltar“ mit dem Gesicht zu Altar und Gemeinde gewandt, die Heilige Messe. Vor dem Konzil stand der Priester mit dem Gesicht zum Altar, aber überwiegend mit dem Rücken zum Volk. Bei der einen wie der anderen Stellung aber richten sich Gebet und Geist jedoch stets „ad Deum“ (zu Gott) und „ad Dominum“ (zum Herrn).

Mit der Liturgiereform wurde die Art und Weise, wie man zuvor in den Basiliken Roms und manchen europäischen Kathedralen die Heilige Messe feierte, zum allgemeinen Vorbild. Diese Veränderungen machten Umbauten in fast allen Kirchen nötig.

Auch in St. Bonifatius wurde der Altartisch vorgezogen und auf einer erhöhten Altarinsel platziert. Wurde in den neu gebauten Kirchen der Altar weit in die Mitte der Gemeinde gezogen und die Bankreihen kreisförmig angeordnet, so wurden auch in St. Bonifatius Bankreihen um den Altar herum platziert. Durch diese Anordnung sollte die gemeinsame Würde des Gottesvolkes und die Nähe des menschgewordenen Herrn betont sowie die tätige und bewusste Teilnahme des ganzen Volkes Gottes an der Liturgie erleichtert werden.

Der Altar

Den Altar, den „Tisch des Brotes“ gestaltete Paul Brandenburg aus Kalksteinblöcken, der Sockelbereich ist im Grundriß kreuzförmig und hat zwei große Durchbrüche. Hierdurch scheint er sich vom massiven Boden her in vier Füsse aufzulösen und wiederholt so die vier Enden des Kreuzes, auf dem die Altarfläche ruht. Die frühe liturgische Umsetzung erkennt man an der Länge des Altares, die heute so nicht mehr zugelassen wäre.

Der „Tisch des Wortes“, der Ambo, ist in St. Bonifatius b

Der Tabernakel

Der Tabernakel von Paul Brandenburg erinnert durch seine schlanke, klare stelenförmige Form, die in den Himmel weist, an den Turm des himmlischen Jerusalem, dem Ort der Seligen nach dem Weltuntergang und der Auferstehung. Der Turm selbst ist mittig aufgebrochen und scheint wie ein Baum seine Äste in den Himmel zu strecken. „Er wird unter ihnen wohnen und es wird keine Plage mehr geben“.

Auf zweidrittel Höhe ist die „Wohnung Gottes“ durch eine bronzene Schmuckverkleidung verziert, deren Ornamentik an den brennenden Dornenbusch erinnert, eine erste Verheißung des himmlischen Jerusalems. Der Künstler läßt uns bedenken, daß das, was wir in der Kommunion empfangen, bereits ein Stück des Himmels ist. Zum Zeitpunkt seiner Entstehung war die Stellung des Tabernakels außergewöhnlich, erläutert Paul Brandenburg.
Dieser wurde auf der Kommunionsstufe platziert, gemäß der Forderung der Liturgiereform, daß der Tabernakel einen eigenen Ort haben sollte, wo er auch für private Anbetung zugänglich ist. Ein Ansinnen, deren Umsetzung in der einschiffigen Kirche St. Bonifatius sich recht schwer gestaltete. Erst in späteren Jahren wurde er auf seinen jetzigen Platz auf der Altarstufe umgestellt. Das Taufbecken von Paul Brandenburg zeigt in seiner Ornamentik auf dem Bronzedeckel ein Netz, in dem sich Fische befinden. >„Ihr aber sollt Menschenfischer sein“. Da jeder Gläubige auf den Tod und die Auferstehung Jesu getauft wird, ruht der reich verzierte Deckel des Taufbeckens auf Streben, deren Enden dämonische Figuren zeigen, wie sie auch oft an den Außenmauern von Kirchen, aber speziell auch auf mittelalterlichen Taufsteinen als Träger, zu sehen sind. Die Dämonen werden sozusagen dienstbar gemacht.

Der Priestersitz

Der Priestersitz ist in St. Bonifatius nicht deutlich herausgearbeitet. „Der Gedanke“, erläutert Paul Brandenburg, >„daß der Priester die Rolle Christi übernimmt, war in jenen Jahren des Entstehens nicht so populär. Klerikalismus sollte abgebaut werden.“

Das Hängekreuz

Das Hängekreuz scheint sich an seinen vier symmetrischen Ecken in Naturformen aufzulösen, die in ihrer Formgebung an Strahlen oder auch Tiergestalten erinnern, die in den Raum hineingreifen. Mittig erkennt man im Lichterkranz das Lamm Gottes und so symbolhaft den menschgewordenen Sohn Gottes, Jesus Christus. Die aufgebrachten Halbeldelsteine unterstützen hierbei den Eindruck des Strahlens und erinnern dabei gleichzeitig an die fünf Wundmale Christi am Kreuz.

Da sich das Hängekreuz optisch mit der Struktur der Fensterverglasung überschnitt und der zelebrierende Priester aufgrund des vorgezogenen Altartisches im Gegenlicht wie ein Schatten erschien, wurde der Maler Fred Thieler mit der Gestaltung eines Hintergrundbildes beauftragt, durch das das Mittelfenster verdeckt wird.

Vor dem in kühlen blau-weißen Tönen gegenstandslos in kristallinen Formen gehaltenen Bild, das an die Tage vor der Schöpfung der Welt erinnert und in dem es noch nichts Geschaffenes zu geben scheint, offenbart das Hängekreuz von Paul Brandenburg den ewigen Gott, der gleichsam außerzeitlich als ewig Seiender über allem schwebt. Kreuz und Hintergrundbild ergänzen sich in geradezu wunderbarer Weise, wenn der Priester bei der Wandlung Brot und Wein gen Himmel hebt.

Paul Brandenburg ist inzwischen 77 (2008, anmerk. der Redaktion) Jahre alt und lebt immer noch in Berlin. Wir können uns schon jetzt darauf freuen, ihn Anfang nächsten Jahres in St. Bonifatius begrüßen zu dürfen, wo er uns nochmals im persönlichen Gespräch Antworten zu unserer Altarraumgestaltung und der bewegten Zeit, in der diese entstand, geben kann.

Eva Lummerzheim