St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Die kurze Geschichte einer Familie

01.01.2010 / Redaktion

Else und Kurt Ruhemann - Charlotte und Georg Rothschild

Im Haus Yorckstr. 88 D lebten bis zu ihrer Deportation in den Jahren 1942/43 vier Angehörige der Familie Rothschild. Else Ruhemann, geboren als Else Rothschild und ihr Sohn Kurt sowie ihr Bruder Georg mit seiner Tochter Charlotte.

Das Jahr 1865
In welcher Linie diese vier ehemaligen Bewohner des Hauses von Mayer Amschel Rothschild, dem Begründer des gleichnamigen Bankhauses abstammten, lässt sich aus dessen Familienstammbaum nicht ableiten. Bis zu ihrer Lebenszeit hatte sich die Familie Rothschild auch in Deutschland weit verzweigt. Allein in der Liste aller Opfer der Shoa sind 559 Personen mit dem Nachnamen Rothschild aufgeführt. Moritz Rothschild, der Vater von Else Ruhemann und Georg Rothschild, stammte aus Radegast. In dieser kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt lebten um 1865 16 jüdische Familien, unter ihnen die Familie des Kaufmanns Joseph Rothschild.
Die Jahre 1873 bis 1888
Die Geschwister Else Ruhemann und Georg Rothschild haben einen großen Teil ihres Lebens gemeinsam in einem Haus oder gar einer Wohnung gelebt - die längste Zeit davon in der Kleinbeerenstr. 4 nördlich des Landwehrkanals, etwa an der Stelle, wo sich heute das Parkhaus hinter dem Hochhaus der Post befindet. In dieses Haus zog die Familie im Jahr 1888, ein Jahr nach dem Bau des Hauses.
Der Vater führte ganz in der Nähe, in der Wilhelmstr. 144 (heute etwa Willi-Brandt-Haus) ein „Bank- und Commissionsgeschäft“. Dort lebte er auch zwischen 1873-1878. Danach wohnte die Familie zehn Jahre in der Königgrätzer (heute Stresemannstr. 66), wo dann auch Else und Georg geboren wurden.
Die Jahr 1907 bis 1924

Wahrscheinlich im Jahr 1907 heiratete Else Rothschild den Bankbeamten Felix Ruhemann, der bei der Berliner Handelsgesellschaft angestellt war. Von 1907 bis 1914 wohnte die Familie gleich um die Ecke in der Möckernstr. 132, gegenüber dem heutigen Tempodrom. Dort wurde 1909 der Sohn Kurt geboren.
Am 3. September 1914, einen Tag nach seinem 45. Geburtstag, starb Felix Ruhemann in Folge einer Herzmuskelentzündung. Seit Januar 1915 bezog Else Ruhemann eine Witwenrente von der Berliner Handelsgesellschaft und zog zurück in das Erdgeschoß des elterlichen Wohnhauses in der Kleinbeerenstr. 4.

1911 kam dort Charlotte Rothschild zur Welt. Sie war die Tochter von Georg Rothschild, der inzwischen als Kaufmann im Textilgroßhandel - offensichtlich bei der Firma Peeck & Cloppenburg in der Roßstr. - tätig war. Es ist denkbar, dass sowohl Else und Georg wie auch ihre Kinder Kurt und Charlotte in direkter Nachbarschaft zur Schule gingen. In der Kleinbeerenstr. befand sich sowohl die "Königliche Augustaschule" als auch das rückwärtige Gebäude des "Askanischen Gymnasiums", der heutigen Charlotte-Grunwald-Grundschule in der Halleschen Strasse. Dieses Schulgebäude ist eins der wenigen Häuser in dem Viertel, die den 2. Weltkrieg überstanden haben.
1915, am 19. Dezember, starb die Mutter von Else Ruhemann und Georg Rothschild. Sie wurde 1851 unter dem Namen Elfriede Littauer in Breslau geboren. Ihr Mann Moritz Rothschild starb neun Jahre später und wurde am 18. Januar 1924 neben seiner Frau auf dem [Jüdischen Friedhof]](https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdischer_Friedhof_Berlin-Wei%C3%9Fensee) in Weißensee beerdigt. Ihre Gräber existieren noch heute. Von der Frau Georg Rotschilds und Mutter seiner Tochter Charlotte ist nichts Näheres bekannt. Kurt Ruhemann gibt in seiner Vermögenserklärung 1942 an, dass eine Familienangehörige namens Alice Rothschild nach Holland ausgewandert ist. Das verwandtschaftliche Verhältnis zu den vier anderen und somit auch das weitere Schicksal ließen sich aber bisher nicht eindeutig klären.

Die Jahre 1931 bis 1943
1931 kommt es offensichtlich zu einer Zäsur im Leben der Familie. Möglicherweise in Folge der Wirtschaftskrise muss Georg Rothschild seine bisherige Tätigkeit aufgeben und arbeitet nun als Reichsbahnangestellter. Auch das Wohnhaus ging vom bisherigen Eigentümer in den Besitz einer Treuhandgesellschaft über und die ganze Familie zog in das Nachbarhaus Nr. 5.
Dort blieb sie nur zwei Jahre und zog 1932 wieder um, diesmal in die Yorckstr. 88 - 89. Da für Kurt Ruhemann und Charlotte Rothschild nie eigene Anschriften in den Adressbüchern auftauchen ist anzunehmen, dass die Familie immer zusammen blieb. Fest steht, dass Else Ruhemann mit ihrem Sohn im Aufgang 5 ( heute 88 D, anmerk. der Redaktion), I. Etage ein Zimmer und Küche bewohnten. Wahrscheinlich teilten sie sich eine größere Wohnung mit Georg und Charlotte Rothschild, die zwei Zimmer bewohnten. Georg Rothschild fällt als erster den Nazis zum Opfer. Er wurde offensichtlich von einer Vergeltungs-Aktion erfasst, bei der am 27. und 28. Mai 1942 154 jüdische Bürger Berlins in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert und dort mit 96 weiteren jüdischen Häftlingen erschossen wurden. Als Auslöser für diese Aktion werden in verschiedenen Quellen zwei Ursachen für möglich gehalten: Einerseits wird die Aktion mit dem Anschlag der Widerstandsgruppe Herbert Baum auf die nazistische Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ im Lustgarten in Verbindung gebracht. Wahrscheinlicher ist aber wohl, dass diese Aktion im Zusammenhang mit Vergeltungsmaßnahmen wegen der Ermordung Reinhard Heydrichs stand, die sich zeitnah ereignete.
Im Sterbezweitbuch des Konzentrationslagers Sachsenhausen ist der 25. Juni 1942 als Todesdatum von Georg Rothschild eingetragen.
Nur wenig später, im Juli 1942, geriet Kurt Ruhemann in die Todesmaschinerie der Nazis. Bis dahin leistete der gelernte Kaufmann und spätere Krankenpfleger Zwangsarbeit in der Transformatoren-Fabrik Julius Karl Görler, Flottenstr. 58 in Reinickendorf.
Am 10. Juli musste er die obligatorische Vermögenserklärung ausfüllen. Dies geschah in den meisten Fällen in den Sammellagern, in welche die zur Deportation bestimmten jüdischen Bürger wenige Tage vor dem Transport gebracht werden. Dort wurden die "Vermögensverhältnisse" der Opfer geklärt, was einer endgültigen Enteignung entsprach, und die Transporte zusammengestellt.
Es wird vermutet, dass er mit dem 17. Osttransport am 11. Juli 1942 deportiert wurde, der nach einer militärisch bedingten Verkehrssperre einem Transport aus Hamburg oder Bielefeld mit insgesamt 697 Personen angeschlossen wurde. Dieser Transport ging vermutlich nach Auschwitz. Das Ziel lässt sich nicht konkret bestimmen; als Bestimmungsort ist auch das Warschauer Ghetto möglich. Danach gibt es keine Lebenszeichen mehr von Kurt Ruhemann.
Else Ruhemann wurde im September 1942 abgeholt. Am 21. September wurde ihr in der Sammelstelle Große Hamburger Str. die Verfügung über die Einziehung ihres Vermögens zugestellt. Diese Verfügung bezog sich u. a. auf das "Gesetz über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens" aus dem Jahr 1933. Sie wurde bereits am 1. September 1942 ausgestellt, also zwei Wochen, bevor Else Ruhemann die Vermögenserklärung überhaupt erst ausfüllen musste. Einen Tag später, am 22. September 1942, wurde Else Ruhemann mit einem Transport, der insgesamt 100 Personen umfasste, nach Theresienstadt deportiert. Zwischen Juni 1942 und März 1945 gab es insgesamt 116 dieser kleinen Theresienstadt-Transporte, mit denen etwa 9.600 Menschen deportiert wurden. Für diese Transporte wurde ein gewöhnlicher Waggon der Reichsbahn an den täglich um 6.07 Uhr vom Anhalter Bahnhof Gleis I abfahrenden Personenzug über Dresden nach Prag angehängt.
In Theresienstadt traf sie wahrscheinlich ihre Schwester wieder. Henriette Rothschild, verheiratete Falkenburg, wurde von ihrem Wohnort Dessau aus am 18. November 1942 über Magdeburg nach Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 19. Februar 1943.
Am 14. Dezember 1942 wurden der Hausrat und das Mobiliar von Else Ruhemann von einem Beamten der Reichsfinanzverwaltung geschätzt. Zu diesem Zeitpunkt lebte nur noch Charlotte Rothschild hier. Bis Anfang 1943 wurden kaum jüdische Arbeiterinnen und Arbeiter, die unter Zwang im „kriegswichtigen Einsatz“ standen, aus dem Deutschen Reich deportiert. Allein in Berlin beschäftigten etwa 200 Betriebe 15.000 Juden. Nachdem diese durch andere Zwangsarbeiter aus dem Osten ersetzt werden konnten, begann Ende Februar 1943 die "Fabrik-Aktion" zur Verschleppung der jüdischen Arbeitskräfte. Binnen weniger Tage wurden in 5 Großtransporten 7.000 Menschen nach Auschwitz und mehr als 1.100 Menschen nach Theresienstadt deportiert.
Charlotte Rothschild wurde am 3. März 1943 mit dem dritten Großtransport nach Beginn der „Fabrik-Aktion“, der insgesamt 1.726 Personen umfasste, nach Auschwitz deportiert. Nach ihrer Ankunft am 4. März verliert sich ihre Spur, wahrscheinlich wurde sie sofort ermordet. Von den Insassen dieses Transports wurden nach der „Selektion“ in Birkenau 517 Männer sowie 200 Frauen als Häftlinge in das Lager eingewiesen. Alle anderen - 1.009 Menschen – wurden zu den Gaskammern gebracht und getötet.
Else Ruhemann starb am 11. April 1943 im Ghetto Theresienstadt. Genau einen Monat später, am 11. Mai 1943 kaufte der Verwalter der Bonifatius-Gemeinde, Pappert, den Hausrat von Else Ruhemann für 100 RM. Am selben Tag wurde die Wohnung als „geräumt“ dem Hauptplanungsamt beim Oberbürgermeister gemeldet. Der Erlös des Hausrats wurde am 22. Juni 1943 von der Oberfinanzkasse Berlin-Brandenburg beschlagnahmt.
Am 19. Januar 1945 schloss die Vermögensverwertungsstelle die Akte Kurt Ruhemann. Es wurde "kein Vermögen festgestellt" und die Akte zur "Statistik" gegeben.
Das Jahr 2008
Wir haben uns heute hier versammelt, um diese vier Menschen aus der "Vernichtungs- und Verwertungsstatistik " der Nazis zurück zu holen in unser Gedächtnis und in das Gedächtnis der heute hier lebenden Menschen. Denn es ist uns bewusst, das all diese Menschen nicht einfach verschwunden sind. Sie haben eine Lücke hinterlassen, und diese Lücke schmerzt – denn diese Menschen und ihre Nachkommen fehlen in unserer Nachbarschaft und unserer Gesellschaft heute.

Zusammengestellt von Burkhard Hawemann, anlässlich der Einweihung von Stolpersteinen für Else und Kurt Ruhemann und Georg Rothschild am 4. April 2008.