St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Spuren der Vergangenheit – Spuren für die Zukunft

01.01.2010 / Redaktion

Wenn ich in Berlin spazieren gehe, bemerke ich sehr häufig auf dem Bürgersteig Pflastersteine mit einer messingfarbenen Oberfläche. Meist sind sie vor Wohnhäusern zu finden. Schaue ich mir diese besonderen Steine genauer an, lese ich Namen, Geburtsdaten, Todesdaten, Todesorte. Was bedeutet das? Was sind das für Steine? Diese Steine heißen Stolpersteine. Diese Steine sind in den Bürgersteig eingelassene Betonsteine mit einer quadratischen Messingoberfläche. Sie befinden sich an Wohnorten der von den Nazis verfolgten Menschen und sollen auf deren Schicksal aufmerksam machen.

In Berlin wurden 1996 von dem Bildhauer Gunter Demnig und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) die ersten Stolpersteine verlegt. Seitdem wird dieses Projekt von Gunter Demnig mit vielen Initiativen und Einzelpersonen in der ganzen Bundesrepublik Deutschland weitergeführt.

Es hat zum Ziel, die Opfer zu ehren und sie dem Vergessen zu entreißen. Das Projekt wird aus Spenden finanziert. Die Kosten für die Verlegung und Herstellung eines Stolpersteins betragen 95 Euro.

1947 in Berlin geboren, studierte Gunter Demnig Kunst, zuerst in Berlin, dann in Kassel, 1985 geht er nach Köln, wird dort als Spurenleger bekannt. Er geht auf Spurensuche und holt mit Hilfe verschiedener Materialien die Erinnerung an historische Ereignisse zurück. Er entwickelt das Projekt Stolpersteine und die Idee, dass ein "dezentrales Monument", die Erinnerung der Ermordeten an jenen Ort zurückbringt, an dem sie lebten.

Der Kölner Pfarrer Kurt Pick unterstützte Gunter Demnig dabei, so dass in Köln 1995 die ersten Stolpersteine vom Künstler verlegt wurden, 1996 wurden in der Kreuzberger Oranienstraße 51 Stolpersteine verlegt. Gunter Demnig versteht Stolpersteine nicht als Grabsteine. Sie sollen betreten werden, damit die metallische Oberfläche blank bleibt. Das Opfer erhält seinen Namen und ein Stück Identität zurück, dabei ist jeder persönliche Stein auch als Symbol für die Gesamtheit der Opfer gemeint. Zehn Jahre später liegen 7500 Stolpersteine in 130 Orten Deutschlands.

Auf dem Bürgersteig vor der St.-Bonifatius-Kirche sind fünf Stolpersteine verlegt worden. Im Haus Yorckstr. 88 lebten bis zur Deportation in den Jahren 1942/43 vier Angehörige der Familie Rothschild, Else Ruhemann, geboren als Else Rothschild, und ihr Sohn Kurt sowie ihr Bruder Georg mit seiner Tochter Charlotte. Es ist anzunehmen, dass die Familie immer zusammen blieb und eine Wohnung im Aufgang 5, 1. Etage bewohnte. Die vier Stolpersteine der Familie Rothschild wurden am 4. April 2008 vor der St. Bonifatius Kirche eingeweiht.

Bei meinen Spaziergängen, besonders in Berlin Kreuzberg, erkenne ich viele Stolpersteine und beim intensiven Betrachten wird mir bewusst, dass dieser Mensch, der hier lebte, nicht einfach verschwunden ist und dass durch diesen Stolperstein dieser Mensch seine Ehre wieder erhalten hat.

Irene Ganschow