St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Die Altarsteine von St. Agnes

09.02.2018 / Redaktion

In der Nähe der Krankenanstalt Berlin-Buch sind zwei Mahnmale entstanden. Während der nationalsozialistischen Diktatur geschahen in der Anstalt ungesühnte Verbrechen durch die Ermordung von Menschen, die als lebensunwert betrachtet wurden. Es war das NS-Euthanasie-Programm. Die nachfolgende sozialistische Diktatur war nicht daran interessiert, die Verbrechen aufzuklären. Ein an der Mordaktion beteiligter Arzt wurde sogar Chefarzt der Klinik.
Erst lange nach der Wende begannen Versuche, die Geschichte aufzuarbeiten. Rosemarie und Johanna Pump werteten Sterbeurkunden der Klinik aus und veröffentlichten das Ergebnis: „Ein Ort schweigt, die Geschichte der Krankenanstalten Berlin-Buch“.
Die Bildhauer Silvia Fohrer und Rudolf Kaltenbach gestalteten 2012 ein Denkmal, das an die Euthanasie-Morde erinnerte – es wurde am 18.11.2012 in der Hobrechtsfelder Chaussee eingeweiht. Dabei fanden Teile des Altar­steins von St. Agnes Verwendung.
Im Rahmen der Forschung stieß Rosemarie Pumb auf die Geschichte von zehn Zwangsarbeitslagern aus der NS-Zeit. Über 400 Zwangsarbeiter, die in Buch Sklavenarbeit verrichten mussten, starben an Mangelversorgung und Krankheiten – etwa 100 von ihnen waren Kinder.
Der Bildhauer Rudolf J. Kaltenbach wandte sich an Schulen und im Rahmen des Religionsunterrichts wurde dann das Mahnmal „Kinder für Kinder“ besprochen und schließlich verwirklicht. Unsere Kirchengemeinde stellte den Granit – es waren die drei Altäre von St. Agnes – zur Verfügung. Kinder der beteiligten Schulen schrieben die bekannten Namen der verstorbenen Kinder auf und diese wurden in Marmortafeln gefräst und auf den drei Stelen angebracht. Die Vertiefungen der Altäre, die früher Reliquien enthalten hatten, wurden mit Marmorsand gefüllt und mit Acrylglas versiegelt.
Die mit unserer Gemeinde verbundenen Herren Edmund Brumbauer und Dr. Bernd Schmitz schrieben 2014 dazu: „Ich glaube, wir haben St. Agnes und St. Bonifatius ein bleibendes Erbe hinterlassen, auch wenn es die beiden Kirchen dereinst nicht mehr geben sollte. Mit dem offenen Umgang mit unserer schlimmen Vergangenheit, der Anerkenntnis von Schuld und Unrecht, haben wir eine große Chance, auch im nächsten Jahrhundert noch attraktiv zu sein für die Existenz- und Lebensfragen der Menschen.“

Gerhard Schmidt-Grillmeier