St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Eine Tasse mit der Aufschrift "Gut" symbolisiert den Bauvortschritt

40 Tage im Frühling

Andreas Eckhardt CC BY 2.0

02.02.2019 / Redaktion

Meine sehr persönlichen Gedanken dazu

Als Berlinerin ist mir der Karneval ja sehr fremd. Misstrauisch beäuge ich eine immer größer werdende Fan-Gemeinde des närrischen Treibens in meiner Stadt. Erleichtert seufze ich am Aschermittwoch auf. Alles vorbei.
Auch das Essen. Eigentlich beginnt die Fastenzeit.
Und ich schreibe eigentlich, denn wer fastet heute wirklich noch?
Die Schwaben machen es sich leicht. Sie drehen ihr Fleisch einfach bis zur Unkenntlichkeit durch den Wolf, vermischen es so lange mit Grünzeug, bis man das Tier vom Gemüse nicht mehr unterscheiden kann, wickeln es ordentlich in Teig ein und nennen es Maultasche - traditionelle Speise an Gründonnerstag und Karfreitag. Es geht das Gerücht, dass Mönche im Mittelalter kurzerhand ein im Brunnen ertrunkenes Schwein zum Wassertier erklärten und es damit unbekümmert futtern konnten, ohne das Fasten zu brechen.
Es gibt Fastenbier und Fastenbrezeln und ich bin mir ziemlich sicher, wenn man ein »Fasten« vor den Dominostein packt, könnte man auch das übrig gebliebene Weihnachtszeug noch verwerten, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Fastenzeit, verwässert im »Verzicht auf Liebgewonnenes«, heißt dann »Netflixfasten«. Aber wenn ich das »Fasten« vor das »Netflix« setze, wäre es dann »Fastennetflix« und damit okay, wenn ich nur Dokumentationen gucke?
Oder ich rede mir ein, dass der einmalige Verzicht auf den Fahrstuhl am S-Bahnhof ja auch irgendwie »Fasten« ist. Ich steige echt nicht gerne Treppen. Aber dann kann ich es eigentlich auch gleich sein lassen. Zumindest habe ich das lange gedacht und im Geiste vor mich hin gegrummelt: »Früher« (wann immer das auch war) hatten es die Menschen eh einfacher, da waren die Vorräte vom Winter schon aufgegessen und noch nichts geerntet – die haben automatisch gefastet. Keine Freiwilligkeit, keine Entscheidung. Und vielleicht ist an dieser dramatisch vereinfachten Betrachtung des historischen Lebens in einer nicht näher benannten Epoche auch etwas dran, nur ganz anders, als ich jemals darüber nachgedacht habe.
Der letzte große Verzicht in unserem Leben ist der Tod geliebter Menschen, der ebenfalls nicht freiwillige Verzicht auf ihre Gegenwart. Ein Verlust, den wir uns nicht aussuchen. Ein Verlust, der über uns hereinbricht. So wie die Kreuzigung, das Sterben Jesu.
Wir sind Verzicht nicht mehr gewöhnt. Ich bin ihn nicht wirklich gewöhnt. Es ist kein Gefühl, das ein Teil von mir ist, das mich phasenweise begleitet und das ich in schweren Zeiten annehmen kann wie einen vertrauten Begleiter. Und vielleicht ist mir das in meiner Trauer um einen geliebten Menschen dann eben auch auf die Füße gefallen.
Verzicht gehört nicht in mein normales Leben. Ich habe alles und das, was ich nicht bekommen kann, schmerzt mich nicht wirklich, ist nicht wichtig, hat keine größere Bedeutung.
Kein Wunder, ich glaube, ich habe nie wirklich gefastet, nie bewusst entbehrt, mich nie aktiv dafür entschieden.
Die Fastenzeit ist ein (An)gebot. Wir können einen Gefühlszustand begrüßen, der sonst nicht so häufig auf unserer Agenda steht. Die Fastenzeit ist ein bisschen wie eine Trockenübung, bevor wir ins kalte Wasser springen. Und ich überlege, ob es da wirklich reicht, auf Netflix nur Dokumentationen zu schauen oder einfach kein Fleisch zu essen.
Was mir persönlich wirklich weh tut als freiwilliger Verzicht – da muss ich darüber nochmal ganz genau nachdenken. Natürlich geht es um den Schmerz dabei. Aber ganz ehrlich – dieser Schmerz erscheint mir übersichtlich im Vergleich zu dem, was mir das Leben schon ungefragt zugemutet hat.
In diesem beschaulichen Schmerz, in diesem »Verzicht light« der Fastenzeit liegt für mich eine tröstliche Gewissheit: Er ist selbst gewählt und bewusst entschieden.
Dieser Verzicht gibt mir Selbstbestimmung in einer Welt, in einem Leben, in dem ich sonst vieles einfach hinnehmen muss. Und je länger ich darüber nachdenke, desto eher begreife ich, was für eine Gnade diese Fastenzeit für mich und mein Leben wirklich ist.
Die Fastenzeit ist wie eine liebevoll ausgestreckte Hand: Komm, ich zeig dir, wie es sich anfühlt. Das Leben ist nicht immer nett zu dir, aber wenn du willst, dann gebe ich dir Werkzeug, damit du auch finstere Zeiten überstehst.
Ein weiterer Vorteil dieser überschaubaren 40 Tage ist doch auch die Aussicht auf Ostern, für mich das größte christliche Fest, das wir im Kirchenjahr feiern. Vielleicht ist es in diesem Jahr für mich auch eine Rückschau auf das, was ich entbehrt habe.
Es geht mir nicht darum, darauf stolz zu sein (doch schon auch ein bisschen, wenn ich ehrlich bin), sondern vielmehr in diesem Jahr den Verzicht in den Vordergrund zu stellen und das Gefühl zu begrüßen, wie einen alten Bekannten, den man lange nicht mehr gesehen hat.
Mal sehen, wie mir das gelingt. Vielleicht werde ich darüber berichten.

Karen Elste