St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Ostern 2016. Wie eine Taube aus dem Tod floh...

31.03.2016 / Redaktion

„Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch die Stelle an, wo er lag. Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. Ich habe es euch gesagt“. (Mt 28,5–8)
Dieses Ereignis ist Ostern, dieses Ereignis ist die Grundlage unseres christlichen Glaubens. Ostern ist der überraschende Sieg Jesu Christi über den Tod, über unseren Tod.

Der Ursprung dieses Festes liegt aber weit zurück, im jüdischen Pascha-Fest. Dabei feiern die Juden bis zum heutigen Tag den Auszug aus Ägypten (Exodus), den Übergang (Pesach) von der Sklaverei in die Freiheit, den plötzlichen Aufbruch ins Unbekannte. Es kam überraschend schnell dazu, nachts, sie hatten nicht mal die Zeit, richtiges Brot zu backen für die Reise. Daher kommt die Tradition, an diesem Tag ungesäuerte Brote zu essen, „das Brot der Eile“.
Eine jüdische Erzählung (Midrash) sagt, dass Pascha wie eine Taube ist, die von einem Adler verfolgt wird. Die Taube versucht verzweifelt zu fliehen und sucht Zuflucht in einer Höhle. Der Adler passt nicht in die Höhle hinein, aber sobald die Taube drin ist, merkt sie, dass die Höhle von einer Schlange bewohnt ist. Hinten wartet der Adler, vorne ist die Schlange sofort bereit zu beißen. Und plötzlich... wird sie aus dieser aussichtslosen Situation unerwartet befreit! Das ist das Pascha-Fest! Das war die Lage der Israeliten, als sie von hinten von den Ägypter verfolgt wurden und vor dem Roten Meer standen, das unüberwindbar aussah. Und dann... öffnete sich das Meer und alle konnten dadurch gerettet werden. Pascha – Übergang – Überraschung – Befreiung.

Jesus hat ebenfalls das Pascha-Fest mit seinen Jüngern gefeiert. Der Bericht über das letzte Abendmahl erzählt das. Dabei hat er aber diesem Fest eine völlige neue Bedeutung gegeben, das seine Jünger erst nach seiner Auferstehung und seinen Erscheinungen begriffen und geglaubt haben. Während beim jüdischen Paschamahl ein Lamm geopfert wird, stellt sich Jesus Christus als Lamm – als Opfer – für die ganze Menschheit dar. Er gibt den Jüngern sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken. Er lässt sich einige Stunden später gefangen nehmen, quälen, foltern und schließlich töten. Und einmal hinabgestiegen in das Reich des Todes, besiegt er den Tod und am dritten Tag wird er von Gott, dem Vater, auferweckt.

Er ist auferstanden! Das ist unser Pascha-Fest! Der Sieg über den Tod, die unendliche Liebe zu allen Menschen, der Übergang von der Sklaverei der Sünde – der Gewalt, des Hasses, des Egoismus, der Arroganz – in die Freiheit der Liebe und der Gotteskindschaft, die Vergebung aller Sünden, die Chance, ein neues Leben zu beginnen, aus der Depression und Traurigkeit zur Freude und zum Frieden miteinander. Der Tod hat seitdem nicht mehr das letzte Wort, der Himmel ist offen, wir werden bei Gott ewig leben... Und das kam genauso als Überraschung, wie die Flucht aus Ägypten. Obwohl Jesus oft genug davon gesprochen hatte, begreifen es seine engste Freunde nicht und einige von ihnen zögern sogar noch weiter, wie Thomas oder wie die Jünger von Emmaus, als sie die erste Verkündigung der Frauen hören. Pascha – Übergang – Überraschung – Befreiung.
Vierzig Tage lang haben wir uns während der Fastenzeit darauf vorbereitet. Vierzig Jahre sind die Israeliten durch die Wüste gewandert, bis sie das verheißene Land erreicht haben, vierzig Tage hat Jesus in der Wüste gefastet und gegen den Teufel gekämpft. Vierzig ist das Zeichen für das menschliche Leben mit seinen Schwierigkeiten, Versuchungen, seiner Unvollkommenheit. Nun haben wir fünfzig Tage zu feiern! Fünfzig Tage nach dem Paschafest war Schawuot (Wochenfest), fünfzig Tage lang ist Jesus den Jüngern erschienen, um sie zu überzeugen, dass er wirklich lebendig war, und um ihnen den Auftrag der Verkündigung zu übergeben, bis zu Pfingsten der Heilige Geist herabkam und damit die Mission der Kirche begann. Fünfzig ist das Zeichen für das von Gott erfüllte menschliche Leben, gekennzeichnet von seiner Liebe zu uns und von seinem Sieg über den Tod.
Wir brauchen diese Osterzeit, um zu erfahren, dass all das nicht Märchen sind, sondern dieses Fest ist eine Wirklichkeit, eine Verheißung, die Gott in unserem Leben vielleicht auf einer unerwarteten und überraschenden Art und Weise erfüllen möchte. Er möchte uns aus dem Tod unserer Probleme herausreißen, aus der Angst vor dem Tod, aus unserer unvollkomenen Fähigkeit zu lieben, aus den Konflikten und Missverständnissen und möchte uns die Auferstehung und das ewige Leben schon jetzt im Voraus kosten und erfahren lassen. Er möchte uns den Frieden miteinander schenken und die gleiche Liebe, mit der Er uns geliebt hat. Er möchte, dass wir mit ihm siegen und glücklich werden.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine freudenreiche Osterzeit!

Ihr Kaplan Andrea Ciglia