St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Je höher der Berg, desto näher bei Gott

10.03.2017 / Redaktion

„Das Evangelium nach Matthäus neu entdecken“

Was passiert, wenn ein Judenchrist im syrischen Exil um das Jahr 80 n. Chr. das Wort „Ägypten“ hört?
Welche Erinnerungen verbinden diese Christen der 3. Generation, die als Folge des römisch-israelischen Krieges und im Zuge der ersten Christenverfolgungen ihr Land verlassen und fliehen mussten, mit dem Land „Ägypten“?
Ist Jesus von Nazaret der „neue Moses“, der das alttestamentarische Gesetz neu auslegt?
Welche Parallelen lassen sich ziehen zum Thema „Flucht, Vertreibung und Christenverfolgung“ in unseren Tagen? Und was für Antworten bietet uns das Matthäusevangelium, was sind seine zentralen Botschaften?
Nicht nur mit diesen spannenden Fragen beschäftigte sich das Bibelseminar „Das Evangelium nach Matthäus neu entdecken“ am Samstag, den 11.2.2017.
Unter der Leitung von Dr. Ulrich Kmiecik (PR Referat Bibelpastoral) und Paula von Loë (GR Pastoraler Raum Mitte) bekamen wir, insgesamt 24 Teilnehmer/-innen, interessante Einblicke in das erste Evangelium, welches den Übergang vom Alten zum Neuen Testament markiert.
Die vielen Bezüge zum Alten Testament, die Jesus als Messias der alttestamentarischen Prophetie darstellen sollen, fand ich besonders interessant. So kehrt Jesus aus dem ägyptischen Exil zurück, in das die heilige Familie vor dem kindermordenden Herodes fliehen musste, „denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ (Mt 2,15)
Mit den fünf Reden Jesu (Bergpredigt, Aussendungsrede, Gleichnisrede, Gemeinderede, Gerichtsrede) stellt Matthäus den Bezug zu den fünf Büchern Mose her.
Und auch der Berg als Ort der Gotteserfahrung und (Gesetzes-)Verkündung findet sich wieder in der Bergpredigt – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Wie im Alten Testament das Volk Israel, so soll jetzt die Kirche, als das wahre Volk Gottes, moralisch gestärkt und eingeschworen werden. „Ich bin bei Euch alle Tage, bis zum Ende der Welt.“ (Mt. 28,20) – mit diesem großartigen Versprechen Jesu an alle, die ihm folgen, lässt Matthäus seinen Text enden. Und auf einmal wird dieser „Bestseller der Alten Kirche“ (U. Kmiecik), den ja doch jeder von uns irgendwie zu kennen glaubte, unglaublich vielschichtig, entfalten sich verschiedene Ebenen, wird die große Kraft des Wortes fühl- und erfahrbar.
Spannend war es auch, die unterschiedlichen Übersetzungen zu vergleichen, was wir am Ende des Seminars bei Kaffee und Kuchen noch ausgiebig tun konnten. Als Premiere kam auch die neue Einheitsübersetzung von 2016 zum Einsatz, in der es endlich wieder den guten alten Scheffel gibt, unter den kein Licht gestellt werden sollte (vgl. Mt 5,15).
Mir jedenfalls sind einige Lichter aufgegangen. Es war mein erstes Bibelseminar dieser Art – und ich hoffe und freue mich schon auf ein baldiges nächstes.

Claudia Steiger