St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Gedanken eines Pfarrers

14.08.2020 / Redaktion

Rückblickend wird mir der Wert der Gemeinschaft wieder bewusst. Vieles nimmt man als selbstverständlich hin. Erst wenn sich etwas verändert, besonders dann, wenn ein Mangel auftritt, bemerkt man den Wert.

Wie sehr ich von den regelmäßigen Begegnungen in den Sonntagsmessen zehrte, bemerke ich erst jetzt. Deshalb fühlte ich mit der Zulassung der Gottesdienste nach dem Lockdown, wenngleich auch in eingeschränkter Form, eine Erleichterung. Unser Glaube lebt doch in der Kommunion, der Begegnung Glaubender. Gemeinsam um das Wort Gottes und die Eucharistie versammelt, wurde mir wieder das Zentrum unserer Gemeinde deutlich. Eine Videoübertragung ist eben nur eine Notlösung, wie auch ein realer Kontakt nicht durch eine Videokonferenz vollständig ersetzt werden kann. Seitdem füllen sich die Gottesdienste wieder und trotzdem wir noch mit einigen Einschränkungen leben müssen, bekomme ich doch viele positive Rückmeldungen. An dieser Stelle mein herzlichstes Dankeschön an all die, die zurzeit die Sonntagsfeier mittragen.

Trotzdem mache ich die Beobachtung, dass die Teilnehmerzahl bei uns noch nicht einmal die Hälfte der sonstigen Mitfeiernden beträgt. Einige geben auch die Rückmeldung, dass sie aus Vorsicht noch nicht wieder zum Gottesdienst kommen wollen. Dafür habe ich Verständnis. Meine Sorge wächst aber dahin gehend, was diese Zeit der Corona-Einschränkung für langfristige Folgen nach sich ziehen wird. Wie entwickelt sich der persönliche Glaube in der Distanz? Werden einige den Weg am Sonntag in unserer Gemeinde wirklich wiederfinden? Werden die Ministranten wieder Freude an ihrem Dienst finden, wenn sie überhaupt zurückkommen? Was kann ich tun? Was können wir als Gemeinde tun? Können wir überhaupt etwas tun, oder müssen wir diese Entwicklung einfach so akzeptieren? Diese Fragen stelle ich mir schon sehr lange, angesichts der vielen Kirchenaustritte der letzten Jahrzehnte. Ein Trend, den es schon vor Corona gab.

Seit meiner Kinder- und Jugendzeit erlebe ich diesen Rückgang der Zahl der Gläubigen. Und trotzdem hatte ich den Weg ins Priesteramt gewählt. Oder gerade deshalb? Mittlerweile frage ich mich, ob sich unsere und meine Anstrengungen für und um den christlichen Glauben noch lohnen? Ich möchte keinen Untergang verwalten und suche mit vielen in unserer Kirche nach Antworten. Was ist der richtige Weg? Viele Menschen – viele Meinungen und Überzeugungen! Manchmal wird mir das zu viel und ich erlebe bei mir eine Resignation. Aber auch das möchte ich nicht! So bleibt eine Ungewissheit in einer Zerrissenheit der unterschiedlichen Meinigen über Weichenstellungen für die Zukunft der Kirche. Und dazu meine Sorge um den persönlichen Glauben des Einzelnen, zu dem ich gesandt wurde und den ich zu fördern und zu stärken habe. Oft empfinde ich meine Ohnmacht.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben an Christus! Das ist ein kleiner Teil meiner Gedanken, die mich zurzeit bewegen. Dazu die Herausforderung eines Zusammenschlusses vier großer Pfarreien zu einer Neuen. Auch da stehen noch viele Fragezeichen hinter dem „Wie kann das gelingen“? Ich bin dankbar über jeden Zuspruch, den ich durch Sie erfahre und durch mein Team von Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Dankbar bin ich über jedes ehrenamtliche Engagement. Dankbar über jeden Glauben.

Ihr Pfarrer Oliver Cornelius