St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Ein Jahr Kreuzberger Himmel

© Nils Hasenau

02.02.2019 / Redaktion

Ein Jahr Kreuzberger Himmel

Angetreten um zu beweisen: Es geht
Der Kreuzberger Himmel, ein Ort der Begegnung

Es ist voll. Das ist oft der Fall und es macht Sinn, zu reservieren. Das ein Restaurant im ersten Jahr des Bestehens so gut besucht ist, ist in Berlin eigentlich die Ausnahme. Woran liegt das? „Vielleicht an der Mischung aus guten Essen, schönem Ambiente und der Möglichkeit, Geflüchteten ohne irgendwelche ideologischen Vorbehalte zu begegnen“, sagt Maria Bauer, die das Restaurant leitet. Damals, vor über einem Jahr, hat die Gemeinde den Verein Be an Angel e.V. eingeladen, sich um das Restaurant zu bewerben. Der Kirchenvorstand hat genau hingeschaut, wer das eigentlich ist und sich die Entscheidung nicht leicht gemacht: Ein junger Verein, der sich um die Integration Geflüchteter bemüht, ein kleiner Verein noch dazu. Überzeugt hat, dass die Mitglieder sehr pragmatisch die Menschen unterstützt haben, die ab September 2015 in Berlin angekommen sind. Und das es vom Verein sehr klare Regeln gibt, was die Erwartung an die Angekommenen angeht: keine Diskriminierung gegen wen auch immer, keine Gewalt und Offenheit gegenüber unserer Kultur.
All das wird im Restaurant sichtbar. Jeder ist willkommen und das Team aus Afghanen, Syrern, Irakern und Iranern (zur Zeit), kümmert sich aufmerksam um jeden Gast, egal ob drei Jahre alt, auf vier Pfoten, im Rollstuhl, mit oder ohne Kopftuch, egal welche Religion, welche sexuelle Orientierung.

Was bleibt also dem Menschen, der angekommen ist an Identität?

Vieles ist dem 14köpfigen Team unbekannt. In den Heimatländern sind zum Beispiel verliebte Frauenpaare undenkbar. Und sind auch aus den Ländern meist geflohen, weil ein terroristischer, diktatorischer und missverstandener Islam das Leben zur Hölle machte, so ist unsere Freiheit doch für viele eine Herausforderung. Zuhause waren die Geflüchteten Opfer der Regime, haben sich selbst als liberal wahrgenommen. Hier müssen sie ad hoc mit freiverkäuflichem Alkohol, mit gleichberechtigten Frauen und einem zuweilen sehr lockeren Verständnis von gelebter Sexualität klarkommen. Das Einzige, was sie mitgebracht haben, sind sie selber und ihre Werte, die von uns oftmals (mit Recht) in Frage gestellt werden. Was bleibt also dem Menschen, der angekommen ist an Identität? Wenig, wenn alles in Frage gestellt wird und noch dazu die Asylverfahren unfassbar lange dauern und noch dazu immer ungerechter werden.

Im Restaurant merkt man von den existentiellen Fragen der Teammitglieder wenig. Gäste, die regelmäßig kommen, bemerken das der Kellner selbstbewusster geworden ist und zuweilen durchaus kecken Humor beweist. Auch das geschuldet der Begegnung mit den Besuchern. Die meisten der Mitarbeiter kannten Deutsche nur als Behördenmitarbeiter, da waren sie ein Fall von vielen, oder als freiwillige Helfer, die mit viel gutem Willen ausgestattet nichtsdestotrotz zuweilen den Menschen, den sie begleiten, entmündigen. Augenhöhe zu halten ist schwierig, wenn das Gegenüber völlig hilflos erscheint. Im Kreuzberger Himmel sind Jamshid, Jawed, Mati oder Layali zum ersten Mal seit der Ankunft in Deutschland, diejenigen, die Deutschen das Leben schöner machen. Es ist auch das ersten Mal, dass sie mit Afghanen oder Syrern zusammenarbeiten. Für uns laufen sie unter der Überschrift „Geflüchtet“ und viele denken, es ist eine feste Gruppe. Aber der Syrer hat am ehesten die Mentalität von Italienern, der Afghane beinah japanisch. Plötzlich sind es die Deutschen im Team (nur zwei), die Übersetzen müssen, was es heisst, wenn Jazan aus Syrien „explodiert“ und Jamshid aus Afghanistan findet, er habe „sein Gesicht verloren“. Die Gäste bekommen davon wenig bis nichts mit. Von Null auf Hundert. In einem Jahr von der Laienspielschar zur Profiliga. Othman, der Profikoch aus Damaskus, bezeichnete das Team oftmals lachend als „Kita“. Es hat sich viel getan - die vielen begeisterten Presseartikel sind nur ein Beweis. Der Besuch ist der Beste.

Wir hätten gerne mit der Gemeinde gefeiert - wir haben der Gemeinde viel zu verdanken: Offenheit, Geduld wenn es mal knirschte, Gäste und miteinander. Wie gesagt - wir hätten das Einjährige gerne gefeiert, aber - in aller Offenheit - wir kommen nicht nach. Das Eine ist der laufende Betrieb, das andere ist die direkt Verbindung zum Verein Be an Angel e.V. - und da haben wir drohende, ungerechtfertigte Abschiebungen zu verhandeln, bei denen es um Menschenleben geht. Das ist ein bisschen viel auf einmal und so gerne wir auch feiern, es muss leider warten. Ausserdem ist es einfach Winter und kalt. Lasst uns lieber im Frühling auf der Terrasse anstossen. Versprochen! Und bis dahin freuen wir uns auf Ihren Besuch!

P.S. Von den ursprünglichen Mitarbeiter*innen sind nur noch zwei bei uns, die anderen sind zum größten Teil erfolgreich weiter vermittelt worden. Und auch Jamshid geht zum 01. Februar. In das Grand Hyatt. Von uns aus mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Ihr
Andreas Tölke
Be an Angel e.V. Vorstand