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Haupt-und Ehrenamt im pastoralen Raum: Mitarbeiter in sozialen Projekten

© Andrey Kuzmin/stock.adobe.com

31.03.2019 / Redaktion

Gelebter Glaube

In dieser Rubrik stellen wir Ihnen Menschen vor, die sich haupt- oder ehrenamtlich in unserem pastoralen Raum betätigen. Dieses Mal geht es um soziale Projekte für Obdachlose und Bedürftige. Über Chancen und Probleme dieser Arbeit sprechen Thomas Hartmer, Projektleiter im Nachtcafé von Herz Jesu, Nikola Bock, Leiterin der Suppenküche in St. Adalbert und Thomas Gräbner, Leiter der Notübernachtung und des Sommernachtcafés in St. Marien Liebfrauen.
Bislang wurde diese Rubrik von Marlen Bunzel betreut, der wir herzlich für ihren Einsatz danken. Beginnend mit dieser Ausgabe führt die Interviews Carmen Eller.

Herr Hartmer, Sie leiten zusammen mit Ulrike Meier das Nachtcafé in Herz-Jesu. Worum geht es bei diesem Projekt?

Hartmer: Das Nachtcafé ist ein Angebot der Herz-Jesu-Gemeinde für obdachlose und bedürftige Mitmenschen in den Wintermonaten von November bis März. Einmal in der Woche – Montag auf Dienstag – kommen viele Ehrenamtliche in den Gemeindesaal. Obdachlos zu sein, bedeutet Leben in Kälte, draußen bei nasskaltem Winterwetter, aber auch gefühlte Kälte: Ausgrenzung, Gleichgültigkeit, sogar Ablehnung. Das Team möchte dem entgegenwirken und einen Ort bieten, wo die Gäste zur Ruhe kommen können und gut versorgt sind.

Thomas HartmerThomas Hartmer/©Hans Praefke
Wie verläuft so ein Montag?

Wir bieten Kaffee und Kuchen. Dann gibt es ein eigens gekochtes Abendessen mit vier Gängen: Salat, Suppe, Hauptspeise und Dessert. Wir bieten bis zu 18 Obdachlosen die Möglichkeit, in richtigen Betten zu übernachten und morgens ein gemeinsames Frühstück. Darüber hinaus gibt es Kleidung aus Spenden, die Leute können duschen und ihre Wäsche waschen.

Worin besteht Ihre ehrenamtliche Arbeit?

Ich kümmere mich um die Mitarbeiter, die Verwaltung von Dienstplänen und die Google-Gruppe. Gegebenenfalls rufe oder schreibe ich Leute an, wenn zu wenige da sind. Ich übernehme die Leitung am Montag. Und ich bin zusammen mit Ulrike derjenige, der überlegt: Wie organisieren wir das Ganze? Welche Probleme gibt es? Wie lösen wir die?

Warum engagieren Sie sich in diesem Projekt?

Ich mache das aus mehreren Gründen. Erstens habe ich schon immer den Drang verspürt, Menschen zu helfen. Menschen, die an einem Punkt in ihrem Leben nicht mehr weiterkommen. Ich habe vor dem Nachtcafé in einer Suppenküche mitgeholfen. Das hat mir Freude bereitet. Und dann bin ich mit meiner Partnerin Rita einmal ins Nachtcafé von Herz Jesu gegangen. Dort habe ich für mich den „richtigen“ Ort zum Helfen gefunden. Zweitens bin ich davon überzeugt, dass Glaube auch heißt, etwas zu tun. Ich finde einen Glauben, der sich auf Kirchgänge beschränkt, eher fragwürdig.

Wer hilft überhaupt mit?

Es ist ein bunt gemischtes Team: Gemeindemitglieder, Menschen aus benachbarten Gemeinden und anderen Religionen – Moslems, Juden, Buddhisten – und auch Atheisten. Nur mit Personal aus Herz Jesu würden wir das Ding nicht gebacken bekommen.

Was macht die Arbeit schwierig?

Eines der größten Probleme besteht für mich darin, dass viele Obdachlose aus dem Ausland kommen, aus Polen und anderen ehemaligen Ostblockstaaten, und ich der entsprechenden Sprachen nicht mächtig bin. Deswegen kann ich in vielen Sachen nur über Mittler etwas tun. Ich merke auch, dass der psychische Zustand von Obdachlosen teilweise katastrophal ist. Und so braucht man sehr viel Zeit, um selbst einfachste Sachen zu regeln.

Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?

In den letzten Jahren habe ich oft für mich gedacht: Tief Luft holen und rein in die Situation. Mittlerweile bete ich auch mal kurz zu Gott und sage: Lass mich jetzt bitte nicht alleine. Stehe mir bei – und dann rein in die Situation.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Projekts?

Ich finde, bei uns läuft es sehr gut. Zwei Sachen würde ich mir jedoch wünschen: Dass wir mehr Männer hätten, die Nachtschichten übernehmen. Zweitens wünsche ich mir, dass die Bereitschaft, mitzuhelfen, nicht immer gegen Ende der Saison so stark abnimmt.

Frau Bock, Sie sind die Projektleiterin der Suppenküche in St. Adalbert. Was hat den Anstoß gegeben für Ihr Engagement?

Bock: Ursprünglich ein Gang durch meinen Kiez im Jahr 2004. Ich kam am Tag der offenen Tür am Eingang der Kirche vorbei und sah, dass es da auch eine Suppenküche gab. Ich habe dann als normale Helferin angefangen. Als später die damalige Leiterin in Elternzeit ging, fragte sie mich, ob ich das Projekt nicht übernehmen wolle. Seitdem mache ich das. Ich habe auch eine Ausbildung in der Hotellerie gemacht. Insofern war mir dieser Servicegedanke, anderen Menschen etwas zu essen vorzusetzen, nicht ganz fremd. Es passte einfach.

Nikola BockNikola Bock/©Judith Reiners
Wie genau sieht das Angebot der Suppenküche aus?

Das Angebot richtet sich an alle bedürftigen Menschen. Unsere Öffnungszeiten sind Sonntag von 12 Uhr bis 14 Uhr zwischen November und März, also in den kalten Monaten – das ist angedockt an die Berliner Kältehilfe. Die Gäste bekommen etwas Warmes zu essen. Das ist oft ein Eintopf, kann aber auch mal ein Zweikomponentenessen sein. Was sehr gerne genommen wird, ist etwa Gulasch mit Nudeln. Es gibt auch immer einen Nachtisch und Kaffee und Tee. Das Ganze wird gespendet von den Alexianern. Vom Krankenhaus in der Gartenstraße holen wir die fertig gekochten Gerichte ab, anders könnten wir das in der kleinen Küche in St. Adalbert nicht leisten. Man merkt immer, dass es zum Monatsende hin ein bisschen voller ist, weil vielleicht auch hier und da das Geld knapper wird.

Worum kümmern Sie sich persönlich?

Es sind pro Schicht immer vier Helfer und Helferinnen eingeteilt. Ich persönlich bin gar nicht jedes Mal dabei, weil das auch nicht unbedingt nötig ist. Von den 30 bis 40 aktiven Helfern und Helferinnen sind etwa zehn oder zwölf jeweils für die Schichtleitung zuständig. Meine Hauptaufgabe besteht darin, das Ding am Laufen zu halten: dafür zu sorgen, dass da jeden Sonntag vier Leute stehen, dass die Schlüsselübergabe klappt, dass es genug Essensvorräte gibt. Ich selbst übernehme ungefähr einmal im Monat eine Schicht.

Was ist für Sie das Erfreulichste an dieser Arbeit?

Ich freue mich immer, wenn ein Strahlen sich über die Gesichter legt, wenn ich komme: „Ah, Frau Bock, die Chefin ist da.“ Es gibt auch ein paar Stammgäste und es ist nett, wenn man sich mit dem einen oder anderen unterhalten kann. Ich glaube, die Leute kommen ganz gerne, weil wir nicht einfach das Essen auf den Teller pfeffern, sondern versuchen, eine angenehme Stimmung zu verbreiten. Es geht nicht nur um die materielle Bedürftigkeit, sondern auch um die Möglichkeit, einmal mit jemandem außerhalb der eigenen Blase zu reden.

Was hat Sie überrascht bei dieser Arbeit?

Als Ehrenamtlicher macht man das Ganze ja, weil man möchte, dass es dem einen oder anderen besser geht. Wenn man da naiv drangeht, denkt man natürlich: Alle sind uns gut gewogen, niemand wird uns mit Ärger oder Wut begegnen. Das ist aber nicht immer so. Beim Großteil schon, aber es gibt auch mal welche, die unzufrieden sind: „Schon wieder Eintopf!“ Ich stand auch schon einmal vor einer Frau, die mir Prügel angedroht hat. Man muss dann darauf achten, dass nicht eine Person die Stimmung für 39 weitere negativ beeinflusst. Aber eigentlich gibt es solche Situationen nicht häufig.

Kontakt zu den vorgestellten Projekten

Suppenküche in St. Adalbert und Nachtcafe in Herz Jesu

  • Pfarrbüro Herz Jesu
  • Telefon: 030 44 38 94-0
  • Email: pfarrbuero [at] herz-jesu-kirche.de
  • Ansprechpartner: Nikola Bock, Ulrike Meier.

Notübernachtung und Sommernachtcafé in St. Marien Liebfrauen

  • Pfarrbüro St. Marien Liebfrauen
  • Telefon: 030 61 12 93-20
  • Email: marien-liebfrauen [at] gmx.de
  • Ansprechpartner: Thomas Gräbner
Gibt es noch andere Aspekte, die Ihre Arbeit schwierig machen?

Wir haben ganz oft ein Platzproblem, dass etwa Leute nur irgendwo einen Stuhl haben und keinen Tisch. Die vorhandenen Tische und Stühle sind nicht mehr gut geeignet für diese Menge an Leuten. Die Stühle brauchen mehr Platz, um stehen zu können. Man verhakelt sich da dauernd. Vielleicht könnte man da einmal einen Spendenaufruf machen. Ich habe in diese Richtung nie weitergedacht, weil ich die Frage im Kopf habe: Wie lange bleibt dieser Gemeinderaum bestehen? Es hieß früher immer, der Raum existiere nicht mehr ewig, da gäbe es Baupläne. Es wäre gut, zu erfahren, was genau geplant ist.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Suppenküche?

Mein Wunsch wäre, dass wir eine Art Leitungsteam entwickeln, Richtung Fortbildung gehen oder dass man sich andere Hilfsangebote anguckt und dort mit den Leuten spricht. Man hat ja oft auch dieselben Gäste. Dann könnte man fragen: Wie geht ihr um mit dieser oder jenen Situation? Ich fände das super. Wir sind im Augenblick zu zweit für die Logistik da, ich übernehme hauptsächlich die Kommunikation mit den Helfern. Ich hätte gern noch zwei Leute, die mitgehen ins Leitungsteam, damit man die Aufgaben auf mehr Schultern verteilt. Wir haben das Angebot ja immer nur in der Kältesaison. Man könnte sich auch überlegen, ob man es nicht das ganze Jahr macht. Theoretisch wäre das möglich, wenn uns die Alexianer das Essen auch im Sommer kochen würden.

Herr Gräbner, Sie leiten zwei caritative Projekte in St. Marien Liebfrauen: die Notübernachtung und das Sommernachtcafé. Worauf zielen diese beiden Projekte ab?

Gräbner: Es geht darum, dass wir uns als Gemeinde armen Menschen nicht verschließen. Die Notübernachtung hat jeden Tag von November bis Ende März geöffnet. Zwölf Personen können hier zu Abend essen, übernachten und ein Frühstück bekommen. Sie können sich duschen, bekommen einfache hygienische Hilfen und natürlich ein gutes Wort und Beratung, wenn sie etwas brauchen. Grundsätzlich geht es dabei erst einmal um obdachlose Menschen, aber auch um andere Arme. Wenn Leute zu uns kommen, die mit ihrer Miete Probleme haben oder mit ihrer Stromrechnung, dann versuchen wir, zu beraten und einen Kontakt herzustellen, der dann besser helfen kann als wir vor Ort.

Thomas GräbnerThomas Gräbner/©Gabriele Dunkel
Es geht also auch um Lebenshilfe?

Ja, die Arbeit hat zwei Aspekte. Zum einen, dass die Menschen vor Hunger und Kälte geschützt sind, zum anderen ist die Frage: Gibt es die Möglichkeit, sie in geeignete Lebensverhältnisse zu reintegrieren? Der zweite Aspekt macht ein vorsichtiges Herangehen nötig. Man muss mit Fingerspitzengefühl vorgehen. Wenn der Gast zum Beispiel Probleme mit Alkohol hat und Hilfe möchte, bekommt er ein entsprechendes Hilfsangebot. Wenn jemand mit einer Alkoholsucht einfach von uns angesprochen würde auf diese Sucht, könnte es durchaus dazu führen, dass er überhaupt nicht mehr in Hilfseinrichtungen geht und unter der Brücke lebt – und das wird im Winter gefährlich.

Ist das Sommernachtscafé aufgrund der Erfahrungen in der Notübernachtung entstanden?

Menschen sind ja nicht nur im Winter obdachlos, sondern auch im Sommer. Wir haben das Sommernachtcafé eingerichtet, damit die Fortschritte, die wir im Winter machen, die wir auch bei den Gästen sehen können, nicht verlorengehen. Einmal in der Woche öffnet das Sommernachtcafé für 20 Personen. Es gibt ein gemeinsames Abendbrot und Frühstück. Die Gäste können sich duschen und auch bei uns übernachten. 1990 haben wir angefangen mit der Notübernachtung und 1995 kam dann das Sommernachtcafé dazu. Kontinuität in der Begleitung ist eine Voraussetzung dafür, dass es gelingt, einen Weg aus der Obdachlosigkeit zu finden.

Können Sie auch bei der Wohnungssuche oder anderen Schwierigkeiten direkt helfen?

Dafür bestehen Kooperationen. Mit dem Caritas-Verband, insbesondere mit der Beratungsstelle in der Levetzowstraße. Grundsätzlich kommt es erst einmal darauf an, einfache Sozialfertigkeiten wiederzuerlangen. Zum Beispiel: Wie beziehe ich mein Bett? Wie wird ein Abendbrot oder Frühstück zubereitet? Wie benehme ich mich in einer Gruppe von Menschen?

Die Gäste helfen auch mit bei der Zubereitung des Essens?

Ganz genau. Sie werden dazu angeleitet, im Projekt so viel wie möglich selber zu machen. Sie werden eingebunden in die Vorbereitungen, einige brauchen viel Anleitung, andere schaffen es auch alleine.

Wo sehen Sie die schwierigsten Aspekte der Arbeit?

Es ist insbesondere dann schwierig, wenn Menschen psychische Erkrankungen haben und dann nicht unmittelbar erreichbar sind, sondern sehr unruhig, teilweise auch aggressiv. Die Mitarbeiter werden allerdings auch darauf vorbereitet. Sie bekommen methodische Hinweise, wie sie damit umgehen können. Und es gibt jährliche Fortbildungsangebote, die von anderen Trägern durchgeführt werden. Bei uns ist es die Diakonie.

Was motiviert Sie zu Ihrer Arbeit?

Die Nächstenliebe als konkretes Handeln. Diese ist früher von den Gemeinden oft nach außen delegiert worden. Ich habe damals gesagt, ich mache da mit in St. Marien, weil wir das caritative Handeln sozusagen wieder direkt zum Kirchturm geholt haben.

Gibt es Punkte, bei denen Sie sich mehr Unterstützung wünschen?

Wir würden uns freuen, wenn die Räumlichkeiten renoviert werden könnten. Das ist ein ganz großer Wunsch. Natürlich hängt es davon ab, welche Möglichkeiten es in der Gemeinde gibt, so etwas umzusetzen. Ansonsten sind wir sehr dankbar für den Zuspruch, den wir aus der Gemeinde und den Gemeindegremien bekommen. Das ist ein sehr gutes Miteinander.

Was hat sich im Laufe der Zeit verändert – zum Guten oder zum Schlechten?

Immer mehr Menschen sind psychisch krank. Dazu kommt, dass Menschen keine Wohnung haben, obwohl sie voll arbeiten – im Geringverdiener-Bereich. Sie leben auf der Straße und gehen auch von dort aus arbeiten. Das ist eine neuere Entwicklung. Wir haben auch viele Menschen, die Erwerbsunfähigkeitsrenten beziehen. Die Situation in Berlin ist momentan ganz schwierig. Ohne massive Hilfe ist es für die Betroffenen nicht mehr möglich, alleine eine Wohnung zu finden. Ich erlebe da Resignation und eine unheimliche Dankbarkeit gegenüber der Gemeinde, dass wir diese Übernachtungsmöglichkeit anbieten.