St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

„Ist das nicht Freikirche?“

31.05.2018 / Redaktion

Ein Interview der Gemeindereferentin Frau Lapawczyk mit Pfarrer Cornelius:

Frau Lapawczyk (Gemeindereferentin): Am Pfingstsonntag feierten wir eine geisterfüllte Hl. Messe. Zum Glaubensbekenntnis luden Sie die Gemeinde zum Einzelsegen an die Altarstufen ein. Dieser Gang nach vorne sollte einem Glaubensbekenntnis gleichkommen. Warum bringen Sie solche Elemente ein?

Pfarrer Cornelius (Pfarrer): Ich versuche durch unterschiedliche Methoden und Herangehensweisen die „Zuhörer“ zu einem Mitmachen zu animieren, sie so in die Glaubensvermittlung einzubeziehen, so dass sie sich persönlich stärker mit ihrem Glauben auseinandersetzen. In den letzten Jahren gab es bei uns hierzu unterschiedliche Methoden. So habe ich die Gemeinde motivieren wollen, sich an der Predigt zu beteiligen, indem sich die Gläubigen durch Statements in diese einbringen. Oder ich lade die Gemeinde ein, im Anschluss an die Predigt, sich über das Gehörte in kleinen Gruppen auszutauschen.
In der Vergangenheit habe ich zudem gute Erfahrungen mit dem Einzelsegen gemacht. Hierbei hat jeder die Möglichkeit mit seinen Anliegen vor Gott zu kommen und Zuspruch zu erfahren.
Am Pfingstsonntag war mir die bewusste Entscheidung jedes Einzelnen zum Christsein wichtig. Ein traditionelles Hineinwachsen in den Glauben der Kirche findet immer weniger statt. So wird meiner Meinung nach die persönliche Entscheidung, als Christ in der atheistisch geprägten Gesellschaft zu leben und den Glauben zu bezeugen, wichtiger denn je.
Deshalb motivierte ich die Gläubigen am Pfingstsonntag zu einer bewussteren Art des Glaubensbekenntnisses, eine ganz persönliche Entscheidung für Jesus Christus zu treffen und habe sie eingeladen, aufzustehen und nach vorne zu kommen. Es war gleichsam ein Bekenntnisgang zu Pfingsten, der seinen Höhepunkt in der persönlichen, segnenden Handauflegung fand.

Gemeindereferentin: Einige Menschen fühlen sich vielleicht durch diese Art überfordert oder gar genötigt. Was sagen Sie dazu?

Pfarrer: Ich gebe zu, dass ich trotz meiner formulierten Einladung, die Gemeinde zu einer sehr persönlichen Entscheidung herausgefordert habe. Ich kann verstehen, dass das einige irritiert hat. Vielleicht erging es den Menschen, die von Jesus in die Nachfolge gerufen wurden, damals ähnlich. „Wer mein Jünger sein will, folge mir nach!“ (Mt 16,24). Nochmal, ich glaube, dass eine solche Entscheidung nicht nur einmal im Leben gefällt werden muss, sondern ab und an immer wieder neu ins Bewusstsein geholt und erneuert werden muss.

Gemeindereferentin: Verstehe ich Sie richtig, dass Sie ein neues Bewusstsein des Glaubens in der Gemeinde wachrufen wollen?

Pfarrer: Ja - und deshalb gehe ich manchmal in der Verkündigung neue und ungewöhnliche Schritte. Ich gebe zu, dass das einigen nicht „katholisch“ erscheint. Aber wir sind in der Hl. Messe aktiv Mitfeiernde und müssen weg von der gewohnten sog. konsumentenmentalität: Wir werden mit Musik bespielt und mit dem Wort Gottes „bepredigt“. Ich möchte mit diesen ungewöhnlichen Aktionen die Menschen anstoßen und wachrütteln, um neu ihren Glauben zu vertiefen und zu leben.

Gemeindereferentin: Halten Sie die Leute denn für noch nicht wach?

Pfarrer: Grundsätzlich halte ich die Menschen, die in der heutigen Zeit noch in die Kirche kommen, für wach und entschieden für ein Leben als Christ. Doch möchte ich als Pfarrer den Glauben in Ihnen wachhalten, ja ich möchte ihnen die Chance eröffnen, immer wieder neue Erfahrungen mit Jesus Christus zu machen. Dazu gehören auch die unterschiedlichen Angebote unter den Wochen, angefangen von Frauen im Gebet, Stammtischgespräche über den Glauben und der neue Franziskuskreis. Ich glaube, dass wir da durchaus von den evangelischen Kirchen lernen können und die Methoden für unseren katholischen Glauben fruchtbar werden lassen können.

Gemeindereferentin: Können Sie denn auch verstehen, dass es Menschen gibt, die sich damit schwertun?

Pfarrer: Ja. Ich möchte diese Menschen aber durch meine Aktionen nicht ausschließen, sondern mitnehmen. Ich gebe zu, dass ich als Pfarrer die Gemeinde manchmal ganz schön herausfordere. Denken Sie an Jesus, der auch manchmal sehr radikal zur Nachfolge und Entscheidung gerufen hat: „Wer die Hand an den Pflug legt und zurücksieht, der kann nicht mein Jünger sein!“ (Lk 9,62) Oder denken sie an den reichen jungen Mann, der den Anspruch Jesu nicht nachkommen konnte oder wollte, sich ganz auf Jesus einzulassen (vgl. Mk 10,17-27)

Gemeindereferentin: Es hört sich für mich so an, als ob Sie eine Erneuerung der Gemeinde anstreben?

Pfarrer: Als vor ca. 3 Jahren unsere Kirche St. Bonifatius renoviert wurde und wir in der neu gestalteten Kirche saßen, habe ich erstmals angedeutet, dass neben einer äußerlichen Renovierung des Hauses Gottes, auch eine „innere Renovierung“ stattfinden muss, um für die Zukunft der Kirche/Gemeinde gerüstet zu sein. Wir müssen als Gemeinde wissen, warum und wozu wir eigentlich da sind. Meiner Meinung nach wird es nur in einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus gelingen, ein glaubhaftes und authentisches Glaubenszeugnis zu geben.

Gemeindereferentin: Hat das nicht auch etwas mit dem Prozess „Wo Glaube Raum gewinnt“ zu tun?

Pfarrer: Ja, der Prozess heißt ja auch so: Der Glaube an Gott soll Raum gewinnen – anders gesagt: die Beziehung zu Jesus Christus soll vertieft und verkündet werden. Unter diesem Aspekt versuchen wir auch mit den anderen drei Gemeinden im Raum Berlin Mitte die Pastoral neu zu gestalten.

Gemeindereferentin: Vielen Dank für Ihre Gedanken, die Sie uns mitgeteilt haben.