St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Mitarbeiter im Pastoralen Raum: Vera Markert

© Vera Markert

06.06.2018 / Redaktion

In dieser Rubrik stellen wir Ihnen von nun an Menschen vor, die sich haupt- oder ehrenamtlich in unserem Pastoralen Raum betätigen.
Wir beginnen mit den Krankenhausseelsorgerinnen und -seelsorgern. Dazu gehören in unserem Raum drei Alexianer-Schwestern des St.-Hedwigs-Krankenhauses sowie der Pastoralreferent Bernhard Heimbach, Seelsorger im Bundeswehrkrankenhaus, und die Pastoralreferentin Vera Markert.

Im Mai 2018 sprachen wir mit der Krankenhausseelsorgerin Vera Markert, die in der Charité Campus Mitte tätig ist.

Frau Markert, wie wurden Sie Krankenhausseelsorgerin?

Markert: Ich wurde als Krankenhausseelsorgerin sozusagen „entdeckt“. Obwohl ich in meiner Assistenzzeit auf dem Weg zur Pastoralreferentin noch nicht in Berührung mit der Krankenhausseelsorge (KHS) kam, legte mir mein damaliger Vorgesetzter nahe, dass die KHS gut zu mir passen würde. Und so war es auch. Die KHS muss einem liegen, das kann man nicht erzwingen. Diese Arbeit macht man nicht „um des Jobs willen“. Hinzu kam bei mir, dass ich bereits sehr früh in meinem privaten Umfeld mit Krankheit konfrontiert war und somit eigene Erfahrungen mitbrachte, an die ich anknüpfen konnte.
Ich war 13 Jahren lang als Krankenhausseelsorgerin in der Diözese Würzburg tätig. In der Zeit habe ich außerdem eine Ausbildung zur Tanztherapeutin absolviert, die mir insbesondere bei der Begleitung der Patienten der Beatmungsstation zu Gute kommt (Stichwort nonverbale Kommunikation; Bewegungsanalyse). Anschließend arbeitete ich fünf Jahre lang als Pastoralreferentin in Japan (deutschsprachige katholische Gemeinde und Schule). Seit September 2016 bin ich als Krankenhausseelsorgerin in der Charité Campus Mitte im Einsatz.

Warum ist Ihrer Meinung nach Seelsorge im Krankenhaus wichtig?

Markert: Das, was die Seelsorge im Krankenhaus so wichtig und einzigartig macht, ist die Tatsache, dass hier der Mensch im Mittelpunkt steht. Das wird (und das mache ich) mir immer wieder klar, wenn ich ein Zimmer betrete: Jetzt ist der Mensch, der da liegt, als Mensch im Mittelpunkt, nicht als Patient, nicht als Kranker und nicht als zu Behandelnder. Ich als Krankenhausseelsorgerin komme, im Gegensatz zu den anderen, die beruflich mit dem Kranken in Kontakt sind, nicht um zu therapieren oder zu behandeln. Dadurch ist es immer eine Begegnung auf Augenhöhe. Das ist das Entscheidende und das Wertwolle an der Seelsorge im Krankenhaus.

Welche Erfahrungen machen Sie bei den Gesprächen im Krankenhaus?

Markert: Es wird nicht lange um den heißen Brei herum geredet, es kommt sehr schnell zum wesentlichen. Denn die Leute, die mich zu sich rufen, haben meist ein konkretes Anliegen. Es sind meist sehr intensive Gespräche, da die Situation der Krankheit die Menschen an die Grenzen ihrer Existenz bringt. Diese kostbaren Gespräche können aber nicht erzwungen werden. Ganz entscheidend ist bei allem die Basis der Freiwilligkeit. Das Angebot der Seelsorge ist ein offenes Angebot. Hinzu kommt die Basis der Schweigepflicht, an die ich gebunden bin. Diese beiden Dinge – Freiwilligkeit und Schweigegebot – schaffen eine Vertrauensbasis, die letztlich für jedes seelsorgliche Gespräch die Voraussetzung ist. In einem nichtkatholischen Krankenhaus wie der Charité sind die Gespräche mit katholischen Christen die Ausnahme. Oft haben die Patienten ein anderes Bekenntnis oder gar keins. Trotzdem kommt in fast jedem Gespräch die Frage nach Gott durch, explizit, aber auch versteckt („Was macht er denn mit mir?“; „Was hat die Krankheit für einen Sinn in meinem Leben?“).

Wann werden Sie aufgesucht?

Markert: Häufig werde ich gerufen, wenn ein Patient im Sterben liegt, da Seelsorge im Krankenhaus nach wie vor häufig mit „dem Allerletzten“ in Verbindung gebracht wird. Meistens rufen mich die Angehörigen oder enge Freunde an oder sie suchen mein Büro auf. Oft rufen mich auch die Pfleger/innen. Manchmal rufen mich die Kranken auch selbst zu sich. Es handelt sich dabei nicht unbedingt um einsame Menschen, im Gegenteil. Im Angesicht des Todes wünschen viele ein Gespräch gerade mit einer unabhängigen Person. Der Wunsch nach einem Priester (für Beichte und Krankensalbung) ist seltener geworden, was auch daran liegt, dass es insgesamt wenige katholische Patienten sind. Mir wird in der Charité als staatlichem Krankenhaus immer wieder bewusst, wie wenig Kirche im öffentlichen Bewusstsein präsent ist.

Sehen Sie Möglichkeiten, wie Kirche in der säkularen Öffentlichkeit an Präsenz gewinnen kann?

Markert: In Bezug auf mein konkretes berufliches Feld sehe ich durchaus Ansatzpunkte. Z.B. möchte ich mich zukünftig mehr und mehr als Theologin in der Charité einbringen und vernetzen und dadurch sichtbarer werden, indem ich die Ethikberatung-Ausbildung der Charité absolvieren werde. So kann ich als Theologin auf professionelle Weise in Kontakt mit den anderen Berufsgruppen (Ärzte, Wissenschaftler etc.) kommen. Außerdem möchte ich ein spirituelles Angebot für die Mitarbeiter/innen der Charité schaffen, was m.E. dringend nötig ist, eine Art „Atempause“ für Zwischendurch oder von Zeit zu Zeit einen ganzen „Oasentag“. Auch ist es dringend nötig, wieder einen Gottesdienst einzuführen, der seit dem Weggang meines Vorgängers und der anschließenden Vakanz eingestellt wurde. Für die Realisierung eines regelmäßigen Gottesdienstes im Krankenhaus hoffe ich auf die ehrenamtliche Unterstützung der Gottesdienstbeauftragten unseres pastoralen Raumes Mitte. Die Charité ist ein weltberühmtes Haus. Das sollten wir nutzen, um als Kirche präsent zu sein!

Haben Sie weitere Wünsche oder Visionen bzgl. des Pastoralen Raumes?

Markert: Ich sehe den Pastoralen Raum als eine große Chance an, gerade in Bezug auf die seelsorgliche Begleitung von pflegebedürftigen Menschen insgesamt. Meine Vision ist es, ein Netz aus Besuchsdiensten durch Ehrenamtliche im Raum dauerhaft aufzubauen und zu begleiten. Die AG Diakonie unseres Raumes, in der ich mitarbeite, hat in diese Richtung bereits begonnen, Ideen zu entwickeln. Ein Vorbild dafür ist z.B. das Projekt „Crossing Generations“, das gerade im Dominikanerkloster St. Paulus in Berlin eingeführt wird (http://www.malteserjugend-berlin.de/crossing-generations.html). Dadurch, dass die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus heute oft sehr kurz ist und somit im Rahmen der KHS selber selten eine längere Begleitung möglich ist, ist eine gute Vernetzung von KHS und den Gemeinden des Raumes umso wichtiger. Denn nach der Entlassung aus dem Krankenhaus sind die Menschen oft noch eine Weile auf Hilfe angewiesen.

Was gibt Ihnen Kraft für Ihren beruflichen Alltag?

Markert: Vor jedem Gespräch verschaffe ich mir darüber Klarheit, wo ich selber stehe. Ich bin natürlich nicht jeden Tag gleich stark belastbar, je nachdem, was im Privaten gerade passiert. Wenn die eigenen Eltern im Sterben liegen, ist das eine andere Situation . . . Aber dies sich klar zu machen, das hilft schon. Mir als Seelsorgerin muss klar sein, was „meins“ ist und was „deins“ – ich darf nicht in den Kranken „hineinkriechen“, auch wenn das Gegenüber durchaus eine Öffnung von mir für die Vertrauensbasis einfordert. Ich sorge für mich im professionellen Sinne durch die Inanspruchnahme von Supervision. Im spirituellen Sinne tanke ich im Gebet auf. Nach manchem Gespräch gebe ich im Raum der Stille der Charité das „Päckchen“ nach oben ab.

Interview: Marlen Bunzel