St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Interviews mit Pfarrer Serge Armand Kouamé und Pfarrer Michael Wiesboeck

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02.06.2019 / Redaktion

Gelebter Glaube

In dieser Rubrik stellen wir Ihnen Menschen vor, die sich haupt- oder ehrenamtlich in unserem Pastoralen Raum engagieren.
Dieses Mal sprach Carmen Eller mit den Pfarradministratoren Serge Armand Kouamé von der Gemeinde Herz Jesu und Michael Wiesböck von St. Marien Liebfrauen und St. Michael Kreuzberg.
(Fotos: Carmen Eller)

„Jede Predigt ist wie ein Plädoyer für Christus“

Pfarrer Serge Armand KouaméPfarrer Serge Armand Kouamé/©Carmen Eller
Pater Serge Armand Kouamé, welche Rolle hat der Glaube in Ihrer Familie gespielt?

Ich stamme aus Côte d’Ivoire, Elfenbeinküste. Meine Familie war katholisch, wir gingen sonntags in die Messe. Aber das war nur eine gute Gewohnheit. Wir haben uns nicht in der Kirche engagiert. Meine Geschwister und ich waren auch keine Ministranten. Ich bin also mit einer Religion aufgewachsen, die rein formell war. Trotzdem wusste ich, dass es einen Gott gibt. Als Kind hatte ich immer diese Frage: Warum bin ich hier?

Wie wurden Sie zum Priester?

Der Herr hat immer wieder Gelegenheiten genutzt, mich zu rufen. Als ich zum Jurastudium an die Uni gekommen bin, hat mich eine Freundin zu einem Gebetskreis eingeladen. Diese Gruppe hieß Effata, übersetzt: „Öffne dich“. Das war die charismatische Erneuerung. Diese Menschen konnten mit Jesus sprechen wie mit jemandem, der wirklich anwesend ist. Das kannte ich bis dahin noch nicht, ich war ein traditioneller Katholik. Ich habe mich dann sieben Wochen auf die Taufe im Heiligen Geist vorbereitet.

Wie erlebten Sie diesen Moment?

Ich habe dabei keine besondere emotionale Reaktion erlebt, aber ich wusste, dass etwas passiert war. Ich hatte kapiert, dass wir, um echte Christen zu sein, den Heiligen Geist brauchen. Mein Leben, das ich cool gefunden hatte, war gar nicht so cool, weil der Herr mir meine Sünden gezeigt hat. Und seitdem habe ich mein Leben verändert. Er hat mein Leben mit mir verändert. Wir sind gewohnt, die Initiative zu ergreifen. Mein Geheimnis ist die Abhängigkeit. Was ich heute bin, geht nicht auf meine Kraft zurück. Ich habe einfach die Tür geöffnet und Jesus gesagt: Ich brauche dich.

Wie hat Ihre Familie auf die Entscheidung, Priester zu werden, reagiert?

Das war ganz schwer für meinen Vater. Er dachte, dass ich vielleicht in einer Sekte lande oder so etwas. Es gab in meiner Familie keine Ordensleute oder Priester. Woher kommt das also? War ich vielleicht vom Leben enttäuscht? Für meine Mutter war das o.k.: Das ist deine Berufung. Mein Bruder und meine Schwester haben gesagt: Es ist ein bisschen überraschend, aber du warst immer überraschend.

Und wie ging es dann weiter?

Wenn es ein Problem gab, setzten wir uns alle zusammen, Papa, Mama und wir drei Kinder, und diskutierten. Jeder sagte seine Meinung. Mein Vater hat unsere Meinungen immer respektiert, auch wenn er nicht einverstanden war. Aber bevor ich das Flugzeug nach Frankreich bestiegen habe, um meine Ausbildung als Priester zu beginnen, hat er gesagt: Ich verstehe es zwar nicht wirklich, aber ich bin mit dir. Und heute ist er ganz stolz, dass er einen Sohn hat, der Priester ist. Mein Weg hat auch meine Familie geprägt.

Inwiefern?

Mein Geschenk als Priester war die Trauung meiner Eltern in der Kirche – nach 40 Jahren! Sie sind für meine Priesterweihe nach Frankreich gekommen und meine Mutter hat mir ihre Ringe von der Hochzeit gezeigt. Das war für mich unglaublich.

Warum wollten Sie eigentlich zunächst Jura studieren?

Mit Jura kann man viel machen. Ich wollte ursprünglich entweder Journalist, Diplomat, Fußballspieler oder Anwalt sein. Heute, als Pfarradministrator, schreibe ich im Gemeindebrief, das ist ein bisschen wie Journalismus. Der Diplomat? Ich reise in verschiedene Länder und irgendwie bin ich auch ein Vertreter meines Landes oder meiner Kultur. Ich spiele auch ab und zu Fußball und der Anwalt… Ich denke, jede Predigt ist für mich wie ein Plädoyer für Christus.

Welcher Aspekt Ihres Berufs macht Sie am glücklichsten?

Christus zu verkünden. Diese Sicherheit seiner Gegenwart zu vermitteln. Vielleicht ist heute die größte Krankheit der Welt die Unruhe. Die Angst. Die Leute sehnen sich nach Ruhe und suchen sie etwa mit einer bestimmten Atemtechnik oder mit Yoga. Christus gibt diese Ruhe. Was ich heute vermittle, ist das, was ich in seiner Gegenwart erlebe. Und meine Freude ist, wenn Leute wieder Hoffnung schöpfen.

Und was sind die größten Herausforderungen als Priester?
Gewohnheiten zu verändern. Ich bin Ausländer in Deutschland, die Leute in Deutschland haben ihre Gewohnheiten. Und meine Art und Weise, zu predigen oder zu sein, stört manchmal. Für mich ist es auch eine große Herausforderung, jeden Tag zumindest eine Stunde, wenn ich aufwache, mit Gott zu sprechen und auch den ganzen Tag über dafür immer wieder eine Pause zu machen. Man muss gut planen. Ich verbringe gerne viel Zeit mit den Leuten, die unterwegs sind, die Fragen haben, die ein Gebet wollen oder Gespräche. Ich bin lieber Seelsorger als Verwalter.
Was ist charakteristisch für Ihre Gemeinde Herz Jesu?

Herz Jesu war in der Geschichte wie eine Oase, wo die Leute auch den Glauben behalten konnten im Kontext des Sozialismus. Es ist eine lebendige Gemeinde, ganz klar, aber mein Wunsch ist, dass wir uns immer wieder öffnen für das Herz Jesu. Dieses Herz ist barmherzig und offen für Vielfalt – die haben wir hier. Die Ökumene, aber auch Vielfalt durch konfessionsverbindende Ehepaare oder verschiedene Nationalitäten. Auch soziale Projekte wie das Nachtcafé sind für mich Kennzeichen der Kirche.

Kennzeichnend für Sie selbst ist vielleicht Ihr Humor.

Ja, ich habe gelernt, über meine Irrtümer zu lachen. Ich sage immer: Ich habe auf die Perfektion verzichtet. Es ist unmöglich, perfekt zu sein. Wir sind Menschen mit Grenzen. Vielleicht war das am Anfang für manche Leute ungewöhnlich, dass ich in der Messe lache oder einen Witz mache, aber ich bin so. Eine Messe ist keine Beerdigung! Man ist da, um sich zu freuen an der Gegenwart Gottes. Gott will unser Glück.

„Ich bin kein Einzelkämpfer“

Pfarrer Michael WiesboeckPfarrer Michael Wiesboeck/©Carmen Eller
Herr Pfarrer Wiesböck, auf Ihrem Anrufbeantworter hört man ein freundliches „Grüß Gott“. Sie sind in München geboren. Wie sind Sie in Bezug auf Religion aufgewachsen?

Meine Eltern habe ich immer erlebt als Menschen, die auf der Suche waren nach mehr. Wir wohnten 100 Meter von der Kirche entfernt und mein Vater sagt, es war sein Glück, dass er bei dieser Suche die Kirche nicht aus den Augen verloren hat. Als es mit der Ehe meiner Eltern schwierig wurde, sind sie der Kirche gegenüber sehr dankbar geworden. Denn dort konnten sie etwas hören, was sie wieder gesprächsfähig gemacht hat.

Und Sie selbst?

Ich bin mit in die Kirche gegangen, weil es in Bayern so üblich ist und man dort auch Freunde gesehen hat. Dann war aber für mich auch entscheidend zu sehen: Das ist nicht nur eine Geschichte von meinen Eltern, sondern kann auch mich selbst ansprechen. In der Zeit der Pubertät, in der sowieso alles kompliziert ist, auch das Gespräch mit den Eltern – mit meinem Vater hatte ich es fast ganz abgebrochen – da war es mir eine Hilfe, in der Kirche Gemeinschaft und auch das Wort Gottes zu erfahren.

Wie hat sich Ihre Entwicklung zum Priester angebahnt?

Es war erst einmal das Allerletzte, an das ich gedacht hatte (lacht). Ich wollte eigentlich Architektur studieren. Ich hatte schon vor dem Abitur Mappen angelegt, was man alles planen könnte, wenn man mal ein großer Architekt ist. Dann war das aber auch die Zeit, in der unter Papst Johannes Paul II. diese Weltjugendtage mit einer gewissen Regelmäßigkeit begonnen hatten. Und bei einem dieser Weltjugendtage in Tschenstochau habe ich Gott gesagt: Ich bin ganz dankbar dafür, was du schon gemacht hast, aber bisher habe ich dich eigentlich noch nie gefragt, was du eigentlich von mir willst.

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Sie wussten: Ich will Priester werden?

Mehrere Zeichen, Worte, auch Bibelstellen auf dieser Pilgerfahrt haben zumindest den Gedanken mal aufblitzen lassen, ob das nicht auch eine Möglichkeit wäre. Ich habe ein bisschen Scheu, das auf einen magischen Moment zu reduzieren. Aber ein Moment war schon ein bisschen herausragend. Bei einem Erfahrungsaustausch unter den Jugendlichen im Bus haben wir jeder eine Bibelstelle aufgeschlagen. Und dann kam da bei mir die minutiöse Beschreibung des hohepriesterlichen Gewandes. Da habe ich gedacht: Vielleicht ist das doch jetzt ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Wie alt waren Sie da?

Etwa 19.

Sehr jung. Das Priesteramt ist ja eine lebenslange Bindung.

Ein Priesterseminar zu besuchen, ist ja noch nicht der Schlussstrich. Ich habe tatsächlich während der Zeit des Priesterseminars einige größere Krisen durchgemacht. Und war dann auch froh, dass ich drei Jahre im Ausland war. Ich hatte ein Praktikum in den USA gemacht, um eben noch einmal zu schauen, ob das etwas für mich ist. Gleichzeitig war für mich auch wichtig, zu sehen, dass die Berufung nicht nur eine subjektive Sache ist. Dass es auch andere Menschen gibt, die ein Auge darauf haben, ob das die Formatoren im Priesterseminar sind oder der Bischof, bei dem man ja auch mehrere Gespräche hat. Diese Faktoren zusammen haben das immer weiter bestätigt.

Der Priester scheint ja eine vom Aussterben bedrohte Spezies zu sein. Wie könnte man das ändern?

Für mich war wichtig, authentische glückliche Priester zu sehen, nicht frustrierte. Das ist eigentlich das Auschlaggebende. Und dann zu wissen: Wenn ich Priester werde, bin ich auch als zölibatär Lebender kein Einzelkämpfer, sondern weiß mich in einer Gemeinschaft. Ich könnte mir nicht vorstellen, ohne engere Beziehungen zu Schwestern und Brüdern, zu einer Gemeinschaft, Priester zu sein.

Was sind für Sie die größten Freuden Ihres Berufs?

Für mich sind die größten Freuden überall dort, wo Menschen sich öffnen oder auch anvertrauen. Wo Seelsorge im eigentlichen Sinn möglich ist. Wo ich selber sehe, dass das Wort Gottes eine Wirkung hat in einem Menschen. Das sind für mich die Sternstunden.

Und was empfinden Sie als schwierig?

Anstrengend ist manchmal der bürokratische Kram, aber auch nicht übermäßig, weil ich weiß, auch als Familienvater hat man mit Administration zu tun. Belastend sind – Gott sei Dank kommen sie nicht dauernd vor – Animositäten von Gemeindemitgliedern untereinander oder auch mir gegenüber, wo es auf menschlich-gefühlsmäßiger Ebene zu Verwerfungen kommen kann.

Seit 2012 sind Sie in der Gemeinde St. Marien Liebfrauen und arbeiten auch in St. Michael Kreuzberg. Was zeichnet Ihre Gemeinden aus? Charakteristisch ist das, was an Sozialem für die Armen und Obdachlosen hier angeboten wird, die Suppenküche durch die Schwestern von Mutter Teresa, die Notübernachtung usw. Das hat eine große Außen- und zugleich Innenwirkung. Im Sonntagsgottesdienst sehe ich auch arme und manchmal betrunkene Leute. Auch die andere Kirche – St. Michael Kreuzberg – ist offen für Menschen mit gebrochenen Lebensläufen, die woanders vielleicht Scheu hätten, aufzutauchen.

In Bayern gehörte die Kirche dazu, hier in Kreuzberg sind Sie eher ein Exot, oder?

Ja, aber ein Exot kann auch etwas Positives sein. Wir sind schon komische Vögel, aber ich weiß, dass es von vielen auch geschätzt wird, dass wir da sind. Auch unter den Muslimen hier in der Nachbarschaft. Der von seinem Gemüseladen gegenüber hat gesagt, als die Glocke bei uns mal wegen eines Defekts ausfiel: Oh, jetzt habe ich zu lange gearbeitet, weil die nicht geläutet hat! Gleichzeitig gibt es aber auch das normale Unverständnis in der Stadt, wo das Christentum eine Minderheit ist. In Zusammenhang mit der Missbrauchskrise bin ich auf der Straße ab und zu unflätig beschimpft worden.

Sie wollten Architekt werden. Nun arbeiten Sie in wunderschöner Architektur.

Franz von Assisi hat ja den Auftrag bekommen: Baue meine Kirche wieder auf. Und er dachte tatsächlich, er müsste eine Kapelle wieder aufbauen. Und bei mir war das mit dem Architekten von Gott wahrscheinlich auch größer gemeint.