St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Gebete Hoffnung Bitten für den Urlaub

Lux² - ein Festival für Geist-Erfahrer

© St. Bonifatius

08.08.2019 / Redaktion

„Natürlich gibt es eine jenseitige Welt. Die Frage ist nur: wie weit ist sie von der Innenstadt entfernt, und wie lange hat sie offen.“ (Woody Allen).

Für St. Bonifatius in Kreuzberg keine Frage: Beim multikulturellen Festival „Karneval der Kulturen“ an Pfingsten wieder „mittenmang“ zu sein – und offen bis Mitternacht!
Die betagte Jubilarin hat sich leider mittlerweile sehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Die typischen Altersbeschwerden: sie sieht nicht mehr so gut, was um sie herum geschieht. Das Gehör lässt nach: den „Sound der Stadt“ versteht sie deshalb nur bedingt. Die geistige und körperliche Mobilität ist zuweilen eingeschränkt. Jede Bewegung, jedes Vorwärtskommen ist mühevoll. Mit dem modernen Zeitgeist tut sie sich schwer. Früher war alles anders. Umso erstaunlicher, dass sich eine so große, bunte, junge, internationale Schar an Geburtstagsgästen einfand, um mit ihr zu feiern und ihr Glückwünsche zu überbringen. Allerdings hatten ihre Angehörigen und Freunde auch tatsächlich keine Kosten und Mühen gescheut und sich sogar an ein renommiertes Künstlerduo gewandt, um ihr ein besonders rauschendes Fest mit herausragender Festgestaltung und ausgewählten „special effects“ zu bereiten. In dem Alter kann man ja nie wissen. Da sollte man die Feste feiern, wie sie fallen.

Jubilarin: die Kirche im Allgemeinen

Feieranlass: ihr 2019. Geburtstag am Pfingstfest

Feierlocation: St. Bonifatius, Kreuzberg im Besonderen

Die Angehörigen und Freunde: zahlreiche engagierte Mitglieder von St. Bonifatius; Groß und Klein, Jung und Alt

„Festausstatter“: das Künstlerduo Rupert König und Marius Stelzer, Münster
Und während das Geburtstagskind normalerweise Kerzen in der Anzahl der Lebensjahre auf der Geburtstagstorte ausblasen muss, hatte man hier, angesichts der Besonderheit des Geburtstagskindes und seines ungewöhnlich hohen Alters auf eine andere Symbolik zurückgegriffen: statt 2019 Kerzen in eine Torte zu stecken, waren es 2019 bunte Pixel, die in Form eines riesigen Mobiles auf unterschiedlichen Ebenen im ganzen Kirchenraum von St. Bonifatius aufgehängt worden waren und mit einem grob verpixelten Christusportrait im hinteren Bereich des Altarraums korrespondierten. 5x6m groß – und dennoch musste man schon genauer hingucken, denn je nach Illumination trat das Portrait mal konturierter zum Vorschein und war einen Moment später gleich wieder in der Masse der Pixel verschmolzen. „Schauen Sie mal da hinten. Haben Sie schon das Gesicht entdeckt?“ war deshalb ein häufig verwendetes Intro im Gespräch mit Gästen. Während einige tatsächlich direkt „face to face“ waren, galt für die meisten: Brille zurechtrücken, Augen zusammenkneifen, Blick fokussieren, bevor sie „ihr Gegenüber“ entdeckten.
Zugleich entwickelte sich eine enorme Sogwirkung, denn es schien, als würden sich die Pixel des Portrait-Bildes in den Raum hinein versprengen bzw. als würden die im Raum hängenden Bilder vom Christus-Portrait förmlich angezogen.
Auch sonst war bei der Vorbereitung an alles gedacht worden, was bei einer zünftigen Geburtstagsfeier nicht fehlen darf: Lichteffekte. Cooler Sound. Und zur Feier des Tages mal eine markante Duftnote, um die Gäste zu betören – gewöhnliche Party-Zutaten auf den ersten Blick – und doch außergewöhnlich inszeniert.

Der Sound: Zum 2019. Mal „Happy birthday to you“ singen – gähn!!! Deshalb: eigens zusammengestellt für diesen Feieranlass. Mal ruhiger, mal fetziger. Und stets darauf aus, ganz unterschiedlichen Musikgeschmäckern gerecht zu werden, von Ethno-Klängen und Techno-Beats bis hin zu Samba-Rhythmen. „Karneval der Kulturen“ draußen auf den Straßen – und drinnen in der Kirche. Keine Frage: da wackelten der betagten Jubilarin schon zuweilen die Ohren und sie staunte nicht schlecht, denn dass in einer Kirche mal akustisch die Fetzen fliegen, kommt wohl nicht allzu häufig vor. Der Duft: bei Douglas den nächstbesten Flacon greifen und schön einpacken lassen? Etwas einfallslos vielleicht. Schließlich wissen wir seit Kindertagen: Selbstgemachtes erfreut am meisten. In diesem Falle: „Sacral smoke 2.0“, ein zart-schwebender Duft, von einem Parfumeur kreiert und mit Substanzen komponiert, die beruhigen wollen und entspannend wirken und zugleich den „Duft der großen, weiten Welt“ (passend zum Karneval der Kulturen) symbolisieren.

Und – last but not least: das Highlight: Feuerwerk und Knallfrösche in den Himmel schießen? Ach, nööö. Heute mal nicht. Stattdessen: eine Laser-Illumination, die alles in ein ganz besonderes Licht tauchte. Strahlenreigen, Farbwirbel, Lichttunnel, ein buntes, geradezu überbordendes Kaleidoskop an Impressionen, die die Geburtstagsgesellschaft über Stunden in Atem hielt und immer wieder zu neuen Höchstformen auflief. Nix Besonderes, macht doch jede Dorf- Disco, denken Sie? Mooooment!
Schließlich ging es hier nicht darum, einfach Nebelschwaden in die Luft zu pusten und ein paar Laserstrahlen durch die Gegend tanzen zu lassen wie wild gewordene Strohhalme, sondern durch die Illumination die Aussagekraft der Installation zu intensivieren und eine kraftvolle Verbindung zwischen Portraitbild und Mobilé herzustellen. Denn der Name ist Programm: Lux2. Lux zum Quadrat. Potenzierte Power!

Immerhin wurde eine dem Anlass entsprechend illustre Gästeschar erwartet: Parther, Meder, Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, Leute von Phrygien und Pamphylien, Mitfeiernde des Karnevals der Kulturen, Flaneure, Passanten, Bewohner Berlins, Touristen von Nah und Fern, Querdenker, Freigeister, Feingeister, Schöngeister und der Heilige Geist.

Und wie in Berlin üblich, wenn herausragende Ereignisse begangen und wichtige Persönlichkeiten erwartet werden, wurde ein langer, roter Teppich ausgerollt. Da ließ dann das Blitzlichtgewitter, kombiniert mit glänzenden Augen, offenen Mündern und entrückt-verzückten „Ahs“, „Ohs“ und „Wows!“ nicht lange auf sich warten.
Und die betagte Geburtstags-Jubilarin? Die fühlte sich lebendig und vital, wie schon lange nicht mehr. Das Herz schlug ihr bis zum Hals vor Freude, zumal sie mit (verbalen) Geschenken und Glückwünschen geradezu überschüttet wurde: Eine Mittvierzigerin: „Ich möchte Ihnen ganz herzlich gratulieren“, Verunsicherte Nachfrage: „Ähm, danke… aber …wozu?“ „Zu dem Mut, so etwas Ungewöhnliches in einer Kirche zu machen. Toll. Einfach toll!“ „Ich werde nicht gleich morgen wieder in die Kirche eintreten, aber dass ich Kirche mal von so einer Seite erleben darf, hätte ich nicht für möglich gehalten. Respekt, wirklich!“ meint ein junger Familienvater mit Baby im Tragetuch anerkennend. Und eine älteres Paar überreichte einen verbalen Blumenstrauß mit den Worten: „Dieses Erlebnis hier ist mal ein echtes Hoffnungszeichen!“

Zwei Teenager waren sich offensichtlich nicht sicher, auf der „Gästeliste“ zu stehen und erkundigten sich sicherheitshalber: „Ist das hier‘ ne Kirche?“ „Ja. Eine katholische.“ „Jetzt echt? Krass!!! Dürfen wir da auch rein?“ „Na klar!“ „Ähm ... wir sind aber nichts, also ... äh ...“ Auch ein gelungenes Geschenk: „Eigentlich bin ich mit der Kirche schon lange durch. (Abwehrende Handbewegung). Aber das hier (Kopfnicken Richtung Installation) fasziniert mich schon, das muss ich zugeben. Können Sie mir etwas dazu erklären? Warum machen Sie das? Was drückt das Kunstwerk aus?“ (Es folgt eine kurze Erklärung; dann: Ungläubiges Kopfschütteln, hochgezogene linke Augenbraue): „Wow! Das ist doch eigentlich für die Kirche total untypisch, so modern und zeitgemäß zu sein!“

Dem häufigen Vorwurf zum Trotz, viel zu oft „verschlossen“ zu sein (im wahrsten Sinne des Wortes), ließ das Geburtstagskind es sich in diesem Falle jedenfalls nicht nehmen, die gewaltigen Kirchenportale von St. Bonifatius Pfingstsamstag und –sonntag jeweils bis nach Mitternacht geöffnet zu halten. Was ihr die Gäste dankten und scharenweise kamen, nicht nur dreißig- und sechzig- und hundertfach, sondern tatsächlich tausendfach. Denn es wurden allein während des Pfingstwochenendes 9.200 Gäste gezählt. Klarer Fall: Es zahlt sich aus, wenn Kirche stattfindet – und Stadt findet.

Carla Böhnstedt, Pastoralreferentin in der Citypastoral.

Die Kunstinstallation wurde gefördert vom Bonifatiuswerk und ANDERE ZEITEN e.V.