St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Vom Flüchtling zum Nachbarn

© Be an Angela

29.09.2017 / Redaktion

“Be an Angel” wird voraussichtlich ab 01. November den “Kreuzberger Himmel” betreiben. Die Flüchtlingshifsorganisation engagiert sich seit über zwei Jahren dafür, dass Integration gelingt. Der “Kreuzberger Himmel”, betrieben von Syrern, Pakistanis, Irakern und Afghanen, ist die praktische Umsetzung der Ziele des gemeinnützigen Vereins.

"Es fing eigentlich ganz harmlos an.", schmunzelt Andreas Tölke. Harmlos, das waren fünf Flüchtlinge, die der Journalist bei sich zu Hause aufnahm, als vor dem Landesamt hunderte Menschen ohne Obdach und Versorgung waren. Wir erinnern uns an die Bilder, beginnend September 2015, die aus Berlin um die Welt gingen. Aus den fünf sind im Laufe von knapp sieben Monaten in seiner Wohnung rund 400 Gäste geworden, die nicht wussten wohin. Mittel- und kurzfristig waren sie beim Vorstand von “Be an Angel”, um weiter vermittelt zu werden. Aber das war nicht das einzige Problem, mit dem die Neuangekommen zu kämpfen hatten. Asylverfahren, Ausbildung, Schule, Sprachkurse und eine Bürokratie, die ja selbst Deutsche kaum verstehen. "Wann kann man aufhören zu helfen? Wann soll man sagen: das interessiert mich jetzt nicht mehr.", sagt Andreas Tölke. Er und rund fünfzehn Freiwillige des Vereins haben weiter die Menschen unterstützt. In den Jahren wurden so rund 40 Wohnungen vermittelt, über 60 Menschen in Arbeit und Ausbildung vermittelt. Es wurden zig Asylanträge bearbeitet und den Geflüchteten das Leben in Deutschland erklärt. “Be an Angel” ist dabei keine Serviceagentur, die nur gibt. "Wir gehen davon aus, dass jeder, der unserer Unterstützung in Anspruch nimmt, auch selber etwas dazu beiträgt, um sich in Berlin heimisch zu fühlen.", sagt Andreas Tölke. Dabei hat der Verein klare Regeln im Umgang. Diskriminierung egal welcher Art, führt zum Beenden der Unterstützung. Männer und Frauen sind gleich, wer das nicht akzeptiert, wird ebenfalls nicht dauerhaft unterstützt. "Es sind wie überall nicht nur nette Menschen, die hier angekommen sind.", so Andreas Tölke.

Der Verein ist gewachsen, hat sich professionalisiert. Und traut sich jetzt zu, den “Kreuzberger Himmel” zu betreiben.

Das Konzept ist simpel: Der Verein ist der Betreiber, die Macher sind Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern. Der Wichtigste im Team ist Samer Hafez aus Aleppo, der nach drei Monaten in Deutschland seinen ersten Job hatte, aktuell im Reichstag in der Gastronomie arbeitet und außerdem sein Catering-Unternehmen, den “Aleppo Supper Club” aufgebaut hat, der dann in den “Kreuzberger Himmel” aufgeht. Zu seinen Kunden zählt unter anderem das “Haus der Kulturen der Welt”. Ohne eine Gastronomie-Expertin geht es trotzdem nicht: Eva Miriam Gerstner ist seit zwanzig Jahren Profi, hat von der TUI bis zur “Amanon Hotelkette” (am Hauptbahnhof und in Mitte) diverse Unternehmen beraten und war zu Beginn ihrer Karriere die jüngste Hoteldirektorin Deutschlands. An ihrer Seite ist Aiya Baki, eine Palästinenserin, die Hotelfach studiert hat. Aiya wird im Kreuzberger Himmel den Abendbetrieb leiten. Das Restaurant ist dabei nicht nur ein Integrationsprojekt für Geflüchtete: Es wird baldmöglichst einen Mittagstisch für Kinder und Jugendliche geben und das Angebot soll mittelfristig um Hausaufgabenhilfe ergänzt werden. Der Verein kooperiert mit einer Bildungseinrichtung des Senats. "Arrivo" bereitet Geflüchtete auf eine Karriere in der Gastronomie vor. Im “Kreuzberger Himmel” sollen für die “Arrivo”-Absolventen Ausbildungsplätze entstehen. Es gibt aktuell in Berlin rund 1.200 offene Stellen in der Gastronomie und Hotellerie. Zusammen mit dem Dachverband der Gastronomie, der “Dehoga”, werden im “Kreuzberger Himmel” regelmäßig Jobbörsen zur Vermittlung von Auszubildenden veranstaltet.

Aber das Wichtigste ist gutes Essen! Kein Gast kommt ein zweites Mal, wenn die Atmosphäre nicht stimmt, wenn der Kellner unfreundlich war und das Essen schlecht. Darum wird es ein Angebot zu fairen Preisen geben, das frische Produkte von gut gelauntem Personal auf die Tische bringt. Ein Mix aus dem Besten der arabischen und israelischen Küche. Von selbstgemachtem Humus in Variationen über Babaganush und Fisch und Fleisch. Und natürlich ein gutes Bier, ein schöner Wein. Der “Kreuzberger Himmel” soll, so das Konzept von “Be an Angel”, keine Insel von und für Geflüchtete werden, sondern ein Treffpunkt, in dem sich alle wohl fühlen. Egal ob Christen, Muslime oder Juden. Und selbstverständlich wird die Gemeinde dort Veranstaltungen durchführen.