St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Haupt-und Ehrenamt im pastoralen Raum: Kitaleiterinnen

Symbolbild ©artinspiring/stock.adobe.com

26.09.2019 / Redaktion

Gelebter Glaube

In dieser Rubrik stellen wir Menschen vor, die sich haupt- oder ehrenamtlich in unserem pastoralen Raum betätigen.

Dieses Mal traf Carmen Eller die Leiterinnen der katholischen Kindertagesstätten. Über Freuden und Herausforderungen ihres Berufsalltags sprechen Sandra Seidel, Leiterin der Kita von Herz Jesu im Prenzlauer Berg und Kerstin Kwapisz, Leiterin der Kita St. Michael in Kreuzberg.
(Fotos: Carmen Eller)

„Ich wünsche mir, dass die Eltern sich als Gemeinschaft verstehen“

Frau Seidel, Sie leiten seit einem Jahr die Kita Herz Jesu. Wie erleben Sie die Arbeit hier?

Seidel: Ich fühle mich hier total wohl und sage immer wieder: Es ist ein Segen, mit Kindern zusammenarbeiten zu dürfen. Sie halten einen jung und sind ja, was den Glauben und die Glaubensvermittlung angeht, auch unsere Zukunft. Deswegen ist es schön, dass wir jetzt eine Vernetzungs-AG haben, Kirche und Kita, dass man guckt, wie man die Eltern mit ins Boot holen kann.

Sandra SeidelSandra Seidel/©Carmen Eller
Sie haben vorher die Kita von St. Mauritius geleitet. Was zeichnet demgegenüber die Kita Herz Jesu aus?

Seidel: Es ist ein ganz anderes Elternklientel. Wir sind ja hier im Prenzlauer Berg. Wir haben das Glück, dass wir auch einen Förderverein haben, der uns jährlich eine/n FSJler/in finanziert und das hilft sehr. Wir sind ein viel kleineres Haus mit 40 Kindern und dadurch wirkt alles familiärer. Ich habe dadurch auch mehr Kontaktstunden bei den Kindern und dadurch auch einen persönlicheren Zugang zu den Kindern und Familien. Pater Serge ist dicht an den Kindern dran. Er spielt mit ihnen Fußball auf dem Hof, kommt zu uns in die Gruppe und macht hier seine Saltos. Da sind selbst wir Pädagogen mit offenem Mund dagestanden.

Was ist das Schönste an Ihrer Arbeit?

Seidel: Die Entwicklung der Kinder zu sehen. Zu sehen, dass das, was man macht, fruchtet. Wenn ich größere Kinder sehe, die sagen: Ach, es war so schön im Kindergarten! Es gibt so viele kleine Momente. Wenn Eltern sagen: Sie sind so wichtig für unser Kind. Oder wenn Kinder vor der Tür stehen und sagen: Ich habe dir ein Bild gemalt, Frau Seidel.

Und was sind die schwierigen Aspekte des Alltags?

Seidel: Personalmangel. Nun haben wir das Glück, dass wir keinen großen Personalmangel haben, aber wir merken schon dadurch, dass wir ein kleines Haus sind, wenn jemand nicht da ist, fehlen einfach zwei Hände, zwei Ohren. Das Organisieren von Handwerkern ist momentan schwierig. Erst einmal jemanden zu kriegen. Und dann sind diese administrativen Abläufe manchmal schwierig, wenn ich etwas beantragen will.

Gibt es konkrete Wünsche für die Kita?

Seidel: Für mich wäre es eine Hilfe, wenn ich vor Ort noch jemanden hätte, der technisches Verständnis hat. Und was speziell das Haus betrifft, wäre der Lärmschutz ein großes Thema. Es ist alles sehr hallig und laut und da merken wir schon, dass man an manchen Tagen auch an die Belastungsgrenzen kommt.

Welche Rolle spielt der Glaube für Sie persönlich?

Seidel: Ich bin meinem Mann dankbar, denn ich bin eigentlich von Haus aus evangelisch. Es war damals so, dass wir zur Konfirmation eine Karte ausfüllen mussten mit 52 Unterschriften, weil wir jeden Sonntag in der Kirche sein mussten. Und ich hatte nach der Konfirmation, als Teenager, erst einmal gesagt: Ich will mit Kirche nichts mehr am Hut haben. Ich bin dann für das Studium nach Berlin gekommen und habe hier meinen Mann kennengelernt. Er kommt aus einem streng katholischen Elternhaus. Er hat gesagt: Ich bin katholisch. Und ich habe gesagt: Ist doch wunderbar. Und dann sind wir sonntags in die Kirche gegangen und haben uns auch gleich in St. Mauritius zu Hause gefühlt. Ich bin dann konvertiert. Wir haben auch katholisch geheiratet.

Wie ist der Glaube in den Kita-Alltag integriert?

Seidel: Zuallererst einmal im Miteinander. Wir feiern alle Feste rund ums Kirchenjahr wie St. Martin oder Nikolaus. Wir gestalten auch einen Gottesdienst im Jahr. Da zeigen wir Präsenz in der Gemeinde. Wir beten bei den Mahlzeiten. Für die Großen gibt es freitags die „Hallo-Gott-Runde“ zu einem religiösen Thema. Dann feiern wir auch Geburtstage. Wir sind ja alle Geschöpfe Gottes und da wird speziell jeder Geburtstag gefeiert, um das Kind zu ehren.

Wie können sich die nicht katholischen Eltern darauf einstellen, dass der Glaube im Kita-Alltag wichtig ist?

Seidel: Schon beim Erstgespräch, wenn Eltern Kontakt zu mir aufnehmen, sage ich, dass dies unser Schwerpunkt ist. Ich biete dann immer gleich auch die Krabbelgruppe an. Das ist eine erste Möglichkeit, Kontakte zu Leuten aus der Gemeinde zu bekommen. Wir zwingen niemandem etwas auf, aber es soll schon so sein, dass sie dann auch an allen Festen teilnehmen und sich den Gottesdienst fest in den Familienplaner eintragen, weil es sonst für die Kinder einfach schade ist. Die möchten mit ihren Freunden all das machen, was hier für die Feste vorbereitet wird.

Was wünschen Sie sich von den Eltern?

Seidel: Dass die Eltern sich untereinander auch als Gemeinschaft verstehen, um sich zu unterstützen. Es gibt ja immer wieder solche Situationen, etwa, als ich angekündigt habe, dass wir für Teambesprechungen einmal im Monat schon um 16 Uhr schließen. Warum kann man nicht sagen: Mensch, ich habe damit eine Schwierigkeit, kannst du, du oder du mir helfen? Und dann Verbindlichkeit. Dass Eltern sich verantwortlich fühlen – ob das Elternabende betrifft oder unsere Clean-up-Woche oder den Gartentag. Ihre Kinder sind hier. Sie wollen, dass da alles läuft und gut ist und dann ist es immer schade, wenn Eltern sich bei solchen Sachen nicht einbringen.

Was ist Ihnen von Ihrem ersten Jahr hier besonders in Erinnerung geblieben?

Seidel: Unser Sommerfest. Ich fand es total faszinierend, wie Eltern für ihre Kinder dieses Lied umgedichtet haben: Unsere Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Die Väter waren als Frauen verkleidet und sind mit diesem kleinen selbstgebastelten Pappmotorrad hier über den Hof gesaust. Das fand ich total rührend.

„Unser Reichtum ist die Vielfalt“

Frau Kwapisz, wann und wie ist bei Ihnen der Wunsch entstanden, mit Kindern zu arbeiten?

Kwapisz: Ich habe eine große Schwester, die ist sechs Jahre älter. Und als sie sagte, dass sie Erzieherin werden möchte, habe ich gesagt – da war ich gerade zehn Jahre alt: Das ist das Letzte, was ich machen möchte, meine Nerven für fremder Leute Kinder lassen. Dann habe ich aber meine Schwester im Beruf erlebt, sie hat damals im Kinderheim gearbeitet, und dann wollte ich das auch werden.

Was ist charakteristisch für die Kita St. Michael?

Kwapisz: Als katholische Kita sind wir umgeben von vielen verschiedenen Familien. Das heißt: Bei uns ist die Bandbreite sehr groß. Wir haben etwa 50 Prozent katholische Eltern, auch evangelische, etwa 30 Prozent muslimische Familien und 20 Prozent ohne Konfession. Unser Reichtum ist die Vielfalt. Wir haben etwa 14 verschiedene Nationalitäten. Ich denke, wir haben als Kita den Bildungsauftrag, den Kindern die Welt nahezubringen. Die Welt ist nicht nur katholisch, sie ist nicht nur muslimisch, sie ist nicht nur gottlos. Deshalb ist es uns ein Anliegen, dass sich die Welt hier trifft.

Kerstin KwapiszKerstin Kwapisz/©Carmen Eller
Wie lange leiten Sie schon diese Kita?

Kwapisz: Seit 24 Jahren. Ich bin Berlinerin. Meine Heimatgemeinde ist übrigens Herz Jesu. Da bin ich getauft, da habe ich geheiratet. Meine Eltern waren katholisch. Ich erlebte die katholische Religion als Kostbarkeit, die mir Lebenssinn und eine tiefe Wahrheit vermittelte, die mir der Sozialismus niemals bieten konnte. Ich habe mich von Kindheit an wohlgefühlt in der Kirche. Für mich war das immer ein Stück Heimat.

Was waren in dieser Zeit die größten Veränderungen?

Kwapisz: Als ich hier anfing, hatte ich kaum ein deutsches Kind in der Kita. Direkt hier an der anderen Straßenseite war früher der Todesstreifen, das war Leerlauf, und hier war die Mauer. Ich bin 1995 hierhergekommen. Hier haben überwiegend türkisch-arabische Familien gewohnt. Und da war es so, dass ich fast jedem Deutschen hinterherrannte, weil ich dachte: Wen soll ich wohin integrieren, wenn ich keine deutschen Familien habe? Inzwischen hat sich das Umfeld geändert, weil hier rundherum Eigentumswohnungen sind und viele Menschen aus diesem Kiez verdrängt werden. Jetzt renne ich wegen der Vielfalt eher den Familien nichtdeutscher Herkunftssprache hinterher.

Wie handhaben Sie das mit religiösen Festen, wenn ein beträchtlicher Teil der Eltern nicht katholisch ist?

Kwapisz: Als ich anfing, dachte ich: Ich muss jetzt gucken: Wann haben die Chinesen ihr Neujahrsfest und wann haben die Muslime das Ende des Ramadans? Und wie kriege ich alles unter einen Hut? Das haben wir abgelegt, weil es nicht zu schaffen ist. Wir haben ein klares katholisches Profil und sagen auch den Eltern: Das Kirchenjahr ist der rote Faden. Aber natürlich kommen wir auch in Berührung mit den anderen Festen.

In welcher Art?

Kwapisz: Wenn Ende des Ramadans ist, wissen wir, dass die türkischen Kinder an diesem Tag nicht in der Kita sind. Dann schauen wir, dass wir nicht gerade an diesem Tag ein großes Highlight haben. Oder wenn wir einen Elternabend haben, schaue ich, dass der nicht in den Ramadan fällt, weil ich dann weiß, die muslimischen Familien kommen nicht. Denen ist nach Sonnenuntergang das Essen mit Sicherheit wichtiger als der Elternabend, weil sie den ganzen Tag gefastet haben. Wir können nicht alle Feste feiern. Ich kann nur das anbieten, was ich bin. Muslime müssen nicht glauben, was wir glauben, aber sie sollen wissen, was wir glauben. Wir glauben, dass Jesus Gottes Sohn ist. Muslime sagen: Niemals, das war ein Prophet. Wir streiten uns nicht darum, wer Recht hat. Das ist ein ganz guter Weg.

Was sind die größten Freuden Ihres Berufs?

Kwapisz: Natürlich die Kinder. Immer noch die Kinder. Kinder sind so wunderbar authentisch. Wenn Sie finden, dass man doof aussieht, sagen sie einfach: Du siehst heute doof aus. Sie kennen noch keine Höflichkeit, aber ich finde die Art und Weise, wie Kinder die Welt anschauen, faszinierend. In der Fastenzeit ist uns das Ritual der Fußwaschung wichtig. Die Erzieherinnen waschen den Kindern die Füße. Und da sagt ein Kind im Alter von fünf Jahren: „Ja, bei Gott wird einfach alles auf den Kopf gestellt.“ Dieses fünfjährige Kind ist nicht einmal katholisch, aber es hat etwas von der Botschaft verstanden. Der König wäscht den Dienern die Füße.

Und was empfinden Sie als schwierig an Ihrer Arbeit?

Kwapisz: Was immer schwieriger wird, ist die Arbeit im Umgang mit den Eltern. Ich mag es sehr gerne, wenn ich mit Eltern persönlich im Gespräch bin. Im partnerschaftlichen Umgang, den wir miteinander pflegen wollen, wird oft vergessen, dass Eltern immer eine Professionalität als Mutter und Vater mitbringen, aber auch wir eine Professionalität als Pädagogen haben. Das Wort Vertrauen muss noch eine Rolle spielen dürfen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Kita?

Kwapisz: Mehr Personal. Und Gelder, die zur Verfügung stehen, ohne dass man lange Wege gehen muss. Bevor ich etwas reparieren lassen darf, muss ich mir drei Kostenvoranschläge holen und das sind Dinge, die im aktuellen Tagesablauf passieren. Da hat man wenig Möglichkeit, selbstbestimmt etwas zu regeln.

Und ansonsten?

Kwapiz: Wir haben einen Flyer, auf dem steht: Beheimatet sein. Ich denke, das ist ein Grundwunsch. Wir möchten, dass jeder, der hierherkommt, sich auch wohlfühlt. Wenn Leute unsere Kita besucht haben und gehen dann raus, sollen sie nicht katholisch werden. Aber ich habe den Wunsch, dass sie sagen: Mein Kind, das war bei Christen. Und da ging es ihm richtig gut.