St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Geht an die Ränder

04.10.2015 / Redaktion

„Geht hinaus an die Ränder der Gesellschaft, zu den räumlich wie sozial Ausgegrenzten, zu denen mit dem schlechten Leumund, die so gar nicht ins gepflegte Weltbild passen.“ So hat es Papst Franziskus seiner Kirche aufgetragen und genau das versuchen wir – im kleinen Umfang – in unserer Gemeinde zu tun. Darüber möchten wir – Kaplan Andrea Ciglia und Goody (Elisabeth Zell) – erzählen. Alles hat so angefangen...

Kaplan: Nachdem ich letztes Jahr im Mai 2014 zum Diakon geweiht wurde, habe ich vom Pfarrer Cornelius eine lange Liste in die Hand gedrückt bekommen. Darauf standen die Namen aller Katholiken, die in irgendwelchen Einrichtungen auf unserem Pfarrgebiet wohnen (vor allem in Alten- und Pflegeheimen). Es gibt bei uns fünf verschiedene: das „Caritas-Seniorenzentrum St. Johannes Berlin“ in der Wilhelmstrasse; das „Lutherheim“ (Alten- und Pflegeheim der Mathilde-Zimmer-Stiftung e. V.) in der Möllenhoffstraße, in der Nähe des Südsterns; das „Pflegewohnheim am Kreuzberg“ vom Unionhilfswerk in der Fidicinstraße, in der Nähe der Bergmannstraße; das „Pflegehaus Kreuzberg“ in der Methfesselstraße, am Viktoriapark und das „Haus of Life“ (FSE-Pflegeeinrichtung für junge Menschen) in der Blücherstraße, nicht weit vom Mehringdamm. „Geh und besuche alle“ – so lautete der Auftrag des Pfarrers. So machte ich mich auf den Weg...
In der ersten Phase ging es also darum, alle Katholiken (ca. 80) zu besuchen, um sie kennenzulernen und ihnen die Möglichkeit anbieten, wieder besucht zu werden, die Heilige Kommunion zu empfangen oder einfach eine Gelegenheit zum Gespräch zu haben. Unser katholisches St.-Johanneshaus habe ich am Anfang ausgelassen, da Pfarrer Jaschke noch lebte und dort aktiv war. Angefangen habe ich also im Sommer 2014 im Pflegehaus Kreuzberg in der Methfesselstraße. Unvergesslich war der erste Besuch. Ich ging in ein Doppelzimmer herein, stellte mich vor und begann auf einen armen Mann einzureden, bis sich 10 Minuten später herausstellte, dass er nicht die Person war, die ich gesucht hatte, sondern sein Nachbar! Er sagte, dass er gar nicht katholisch sei, sondern Atheist, aber er würde sich trotzdem gerne mit mir unterhalten. Das war ein erleuchtendes Ereignis. Ich habe da verstanden, dass mein Dienst sich nicht nur an die Katholiken richten sollte, sondern an alle Menschen, die das sich wünschen. Das hatte wichtige Folgen für die weitere Entwicklung meiner Besuche.
Als zweites habe ich das Pflegewohnheim am Kreuzberg in der Fidicinstraße besucht. Da bin ich einer harten Wirklichkeit begegnet. Im Heim werden unter anderem Menschen mit Demenz­erkrankung gepflegt, die in der letzten Phase eine individuelle Betreuung brauchen. Außerdem leben in einem eigenständigen Wohnbereich Menschen, die eine Alkohol- oder Suchtabhängigkeit entwickelt haben. Die Begegnung mit diesen besonders harten Fällen hat mich stark getroffen. Es war nicht einfach für mich, so viel Leiden und menschliche Armut anzusehen. Zugleich habe ich oft an den wiederholten Appell von Papst Franziskus gedacht, zu den „existenziellen Peripherien“ hinzugehen. Wir Kreuzberger sind da nicht ausgeschlossen! Obwohl wir ziemlich in der Mitte unserer Hauptstadt sind, leben hier viele einsame und arme Menschen, die Hilfe brauchen.
Ab dem Herbst 2014 habe ich eine Pause gemacht. Ich war zwei Monate in Fulda zur Ausbildung und dann kam Weihnachten...
Ich habe irgendwie gespürt, dass ich in dieser Aufgabe ganz alleine nicht vorankomme, sondern dass ich Hilfe brauche. Ich habe gezögert, mit den Besuchen wieder anzufangen und sie immer nach hinten geschoben. Nach einem langen Winterschlaf in dem Bereich kam plötzlich und unerwartet Hilfe! Christine Schönfeld hat sich angeboten, mich in die Fidicinstraße zu begleiten, wo sie in der vergangenen Zeit schon tätig gewesen war und noch viele Bewohner kannte. Gleichzeitig hat sich auch Goody bereit erklärt, mich zu unterstützen. So konnten wir im Februar 2015 mit neuem Schwung die große Besuchaktion zu dritt wieder starten!

Ich habe durch diese Mitarbeit sehr gute Erfahrungen gemacht. Frau Schönfeld hat mir z. B. gezeigt, wie ein Mann, der gelähmt im Bett liegt und nicht sprechen kann, doch auf die Berührung der Hände oder auf freundliche Worte mit Tränen oder Lächeln reagiert. Und mit Goody haben wir dann in der folgenden Zeit geschafft, eine erste Runde in allen Einrichtungen zu machen.

Goody: Gegen Ende Februar dieses Jahres gingen Kaplan Ciglia und ich los, um alle Katholiken in den umliegenden Pflege- und Wohneinrichtungen zu treffen. Alle haben wir nicht angetroffen und viele waren nicht interessiert – aber einige hatten doch Interesse; sei es an einer Begegnung, einer Diskussion oder einem Gottesdienst. Inzwischen finden katholische Wortgottesdienste in vier Einrichtungen statt, jeweils mit einem Beisammensein im Anschluss; in einer Einrichtung besuchen wir ein paar Bewohner jeweils einzeln. Dabei treffen wir auf die unterschiedlichsten Menschen – solche, die jahrelang in der Kirche aktiv waren; solche, die sich seit langem von ihr distanziert haben; Demenzkranke; Menschen, die mit AIDS oder nervösen Tics leben; Polen, Deutsche, Türken, Serben. Menschen, die vollständig mobil sind oder sich kaum bewegen können.

Kaplan: Und weil die Menschen so unterschiedlich sind, richten wir uns auch danach. Im katholischen St.-Johanneshaus, wo auch Frau Boyles arbeitet, feiern wir (Pfarrer Cornelius und ich) abwechselnd sonntags die Heilige Messe bzw. hält Diakon Schaal Wortgottesdienste. An den Gottesdiensten nehmen auch Christen verschiedener Konfessionen teil. Anwesend sind ca. 20 Personen.
Im evangelischen Lutherheim sind wiederum die Katholiken die Minderheit. Durch den guten Kontakt mit dem Hausleiter, dem evangelischen Diakon Schultz und Hilfe der Pflegekräfte können wir einmal im Monat einen Wortgottesdienst mit ca. 15 Personen feiern. Goody sorgt für die musikalische Gestaltung. Da denke ich an die ermutigenden Worte von Papst Franziskus im Sinne der Ökumene, dass wir Christen zusammen beten und feiern sollen und so gemeinsam auf den Weg zur Einheit gehen. In diesem Klima des gegenseitigen Respektes stören auch die Unterschiede nicht. Ich habe am Anfang erklärt, dass ich den Katholiken die Kommunion reiche und den evangelischen Christen einen Segen spende. Alle sind damit zufrieden.

Im Pflegewohnheim am Kreuzberg in der Fidicin­straße hat sich eine kleine (6 Personen) aber treue Stammgruppe etabliert, zu der Goody und ich jeden Freitag um 13.00 gehen, um die sehr engagierten katholischen und evangelischen Damen bei einem gemeinsamen Wortgottesdienst zu unterstützen. Auch die Tochter einer Bewohnerin hilft dabei, die Rollstuhlfahrerinnen zu begleiten.

Goody: Besonders erfreulich ist dabei, dass zum Teil auch Muslime und protestantische Christen an den Gottesdiensten teilnehmen.

Kaplan: Ja, nicht nur protestantische Christen sind dabei, sondern überraschender Weise auch Muslime. Das geschieht im Pflegehaus Kreuzberg in der Methfesselstraße, wo die meisten Bewohner Muslime aus der Türkei sind. Durch die Offenheit der Beschäftigungs­assistentin Frau Yasar Fidan dürfen wir auch da mit ca. 30 Personen einmal im Monat einen ebenso musikalisch gestalteten Wortgottesdienst feiern. In meiner Ansprache versuche ich dann im Hinblick auf den interreligiösen Dialog an grundlegende Elemente anzuknüpfen. Ich habe aber festgestellt, dass das Wichtigste dabei nicht die Worte sind, sondern für die Menschen da zu sein, sie persönlich zu grüßen und sich mit ihnen ein bisschen zu unterhalten. Ich bin sehr dankbar für diese Chance, die wir bekommen haben, über religiöse und kulturelle Barriere hinaus menschliche Kontakte herzustellen.

Goody: Wir tun das, damit die Menschen hoffentlich erfahren können, wie wertvoll sie alle in Gottes Augen sind.

Kaplan: Noch eine letzte Einrichtung besuchen wir in unregelmäßigen Abständen, nämlich das Haus of Life. Da wohnen junge pflegebedürftige Menschen, die wir einzeln besuchen. Es ist beindruckend dort sehr unterschiedliche Schicksale zu erfahren. Wir versuchen ohne jegliche Ansprüche Gesprächspartner zu werden und ein offenes Ohr für die Leiden und Sorge der Menschen zu haben.

Kaplan und Goody: Unsere kurze Reise durch die existenzielle Peripherie ist zu Ende. Wir sind dankbar für die Begegnungen, die wir gehabt haben. Viele haben uns gut aufgenommen, andere haben uns abgelehnt. Wir haben trotzdem die Hoffnung, dass auch einmalige, kurze Begegnungen etwas gebracht haben. Wir sind überzeugt, dass jeder Mensch in sich das Abbild Gottes trägt und daher seine unwiderrufliche Würde hat. Deswegen gehen wir hoffnungsvoll weiter auf diesem Weg!

Ihr Kaplan Andrea Ciglia und Goody