St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Weihnachtsstern befestigt am Weihnachtsbaum

20 Jahre Arbeit für ein erfolgreiches Projekt

11.11.2016 / Redaktion

Es gibt in unserer Gemeinde etwas zu feiern: Das Bestehen des Secondhand-Verkaufs im Vorraum der Kirche.
Zu Beginn war das gedruckte Wort einer 1996 erschienenen Studie „Der Deutschen alte Kleider“. Darin wird geschildert, wohin die in den Sammeltonnen abgegebenen Altkleider wandern – nämlich in Entwicklungsländer, wo sie die einheimische Textilindustrie schädigen. Da hatten einige Gemeindeglieder die Idee, gebrauchte Kleider in einer Modenschau anlässlich eines Gemeindefests zu präsentieren – es war ein großer Erfolg. Nun waren die Kleidungsstücke da und wurden in der Remise von St. Bonifatius gelagert. Frau Christa Scheinemann, Frau Stephanie Burkhardt und Frau Christina Seipelt überlegten, was man mit den Sachen sinnvoll anfangen könne.
Es folgte die Tat – der Secondhand-Verkauf zweimal im Monat. Im Freundeskreis wurde nach gebrauchten Textilien gefragt und der Bestand wuchs. Die Damen wandten sich an Pfarrer Blessing und baten darum, dass sie den Kirchenvorraum für ihre Aktion benützen könnten. Der zeigte sich aufgeschlossen und auch der Pfarrgemeinderat, dem das damalige Mitglied Frau Christina Seipelt das Vorhaben vorstellte.
Natürlich waren Anfangsinvestitionen vonnöten. Da in der Remise Kupfer und alte Milchkannen aus der Blockadezeit lagerten, wurde das Kupfer an Altmetallhändler verkauft, die Milchkannen stehen heute im Deutschen Technikmuseum und die Wasserrohre dienen bis heute als Kleiderstangen des Projekts. Der Erlös war der finanzielle Grundstock um Container, Kartons, etc. anzuschaffen. Hatte man anfänglich zehn Kartons mit Altkleidern, würde der Bestand heute einen Lkw füllen. Allein der Auf- und Abbau an zwei aufeinander folgenden Tagen im Monat ist harte körperliche Arbeit die ohne die Mithilfe von Michael Przewieslik, Johannes Witte und anderer Mitarbeiter nicht möglich wäre. Von Anfang an war das Projekt eine Initiative der oben genannten Frauen und die jeweiligen Geistlichen und Pfarrgemeinderäte waren ihm positiv gesonnen. Zuerst wurde ein Altersheim in Brasilien, dann gemeinnützige Initiativen mit dem erlösten Reingewinn unterstützt (die Frauenübernachtung St. Jacobi, die Suppenküchen von St. Marien in Spandau und Liebfrauen, Medikamente für Papua-Neuguinea, Hilfe für Geschädigte des Oderhochwassers in Stoberau/Stobrawa im der Woiwodschaft Oppeln/Opole, eine Suppenküche in Südafrika, Haus Sonnenblume und die Metrokinder von Moskau). Zudem erhielt die Pfarrgemeinde anfangs 25 % der Einnahmen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Initiative besprechen und entscheiden wohin Spenden fließen. In 20 Jahren wurde ein Reingewinn von ca. 104.000 € erwirtschaftet der ausschließlich für Hilfsprojekte verwandt wurde und wird...
Da seit geraumer Zeit die Haupteingangspforte der Kirche erfreulicherweise für Besucher offen steht, verbinden sich wunderbar ein Besuch in der Kirche und der Verkauf im Vorraum.
Man suchte nach Auslaufen des Brasilienprojektes (Gemeindeprojekt) nach einer Möglichkeit über einen längeren Zeitraum eine gemeinnützige Initiative zu unterstützen. Wichtig war dabei auch persönlichen Kontakt herzustellen und dauerhaft zu halten.
Frau Seipelt erfuhr bei einem Besuch in ihrer Heimatstadt Kattowitz/Katowice vom ehrenamtlichen Engagement von Pfarrer Adrian, der sich mit einigen Mitstreitern in einer umgebauten Garage in Bahnhofsnähe um etwa 50 Kinder aus zerrütteten und armen Familien kümmerte. Die Bergwerke und Schwerindustrie in diesem oberschlesischen Industriegebiet gerieten im post-kommunistischen Polen in eine schwere Rezession. Übrig blieben viele Arbeitslose und prekäre Familien, die sich nicht oder nicht ausreichend um ihre Kinder kümmerten.
Später erhielt der Pfarrer ein Haus in ruinösem Zustand in einem recht armen Stadtteil, dessen Sanierung er durch Spenden organisierte. Heute sind dort etliche Gruppen mit jeweils ca. 20 Teilnehmern untergebracht – so eine Kindergartengruppe, jeweils zwei Gruppen für 5- bis 8-Jährige, für bis 12-Jährige und eine Gruppe für junge Erwachsene. Haupt-und ehrenamtlich werden jetzt etwa 250 junge Menschen im Haus und auf der Straße betreut. Dabei helfen auch einige ehemals Betreute.
2003 besuchten fünf Mitarbeiter des Secondhand-Teams das „Schutzengelhaus“ (Dom Aniołów Stróżów) in Kattowitz-Załęże und waren dort sehr freundlich empfangen worden – übernachtet wurde in Privatunterkünften. Seitdem waren zwei Mal Mitwirkende des Secondhand-Teams (einmal sogar mit dem Boni-Bus) dort und waren dort begeistert empfangen worden. Sehr hilfreich ist, dass zwei der mitwirkenden Damen (Frau Christina Seipelt, Frau Barbara Laubsch) polnisch sprechen. Und auch die Betreuten wollten sich bedanken und verschenkten Selbstgebasteltes oder luden zu einer Breakdance-Aufführung ein. Auch Mitarbeiter aus Polen waren hier bei uns und waren privat in der Gemeinde untergebracht.
Pfarrer Adrian war vor ein Paar Jahren auch in unserer Gemeinde und hat in einer Predigt seine Initiative vorgestellt. Sie findet sich auch im Internet unter: http://www.anioly24.pl/prasa.php Heute fließen leider die Spenden in Polen für das Haus etwas spärlicher – sodass Hilfe durch unser Secondhand-Team sehr willkommen ist. Es gibt also guten Grund die 20 Jahre alte Initiative die aus unserer Gemeinde hervorgegangen ist zu feiern. Und: Die Begeisterung und das lebendige Engagement der Damen, die ich für diesen Artikel befragen durfte, sind nach den beiden Jahrzehnten des Bestehens des Projekts ungebrochen und vielleicht lassen sich Gemeindeglieder im „Jahr der Barmherzigkeit“ davon anstecken und bieten ihre Mitarbeit oder Geldspenden an. Es tut mir Leid, dass ich nicht alle jetzigen und früheren Mitarbeiter benennen kann – es sind mehr als zehn – aber sie werden in der Kirchenchronik erwähnt.

Gerhard Schmidt-Grillmeier