St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

Besuch aus einer „anderen Welt“

Father Ewelu zu Gast in Berlin Father Ewelu in der St.-Bonifatius-Kirche © Andreas Taurit

15.11.2019 / Redaktion

Father Ewelu zu Gast bei den Bonifaten

Die „Bonifaten“ – katholische Männergruppe in der Gemeinde St. Bonifatius – haben im Mai 2019 den 10. Jahrestag ihres Bestehens gefeiert. Seit ca. 8 Jahren unterstützen wir ein Schulprojekt in Nigeria – „Ikenga“ – indem wir für 2 Mädchen, Martha und Agnes, die Schul- bzw. Studiengebühren bezahlen. Der Kontakt und die Übermittlung des Geldes liegen in der Hand von Father Benjamin Ewelu, einem nigerianischen Priester, jetzt Regens in einem Priesterseminar in Nigeria, der jedes Jahr im August für ca. 1 Monat nach Bayern kommt, um dort als Urlaubsvertretung in verschiedenen Gemeinden die Messen zu feiern. Wir wollten ihn persönlich kennen lernen, und haben ihn daher eingeladen, uns in diesem Jahr in Berlin zu besuchen. Und so ist er am 8. September 2019, aus Bamberg kommend, am Bahnhof Südkreuz angekommen.

Leider hatte Father Ewelu für seinen Besuch nur 1 ½ Tage vorgesehen, so dass wir ihm ein touristisches Crashprogramm bieten mussten, aber wir haben unser Bestes gegeben: Nach seiner Ankunft habe ich ihn erst mal zur Kirche St. Bonifatius gebracht und ihn mit unserem Pfarrer Cornelius, unserem Kaplan Ronaldo Prado, den anwesenden Bonifaten und dem „Kreuzberger Himmel“ bekannt gemacht (Mittagessen). Danach bin ich mit ihm und in sachkundiger Begleitung von Michael Hübner in die Gedenkstätte Bernauer Straße gefahren, wo er sich eingehend über die Geschichte der Teilung Berlins, der Mauer und der Wiedervereinigung informieren konnte. Auf dem Weg dorthin (per Auto) haben wir versucht, ihn auf so viel Sehenswertes wie möglich hinzuweisen (Check Point Charlie, Friedrichstraße, Synagoge, Alexander Platz).

„Das ist eine andere Welt“

Am Abend haben wir uns mit einigen Mitgliedern der Gemeinde St. Bonifatius in der Pizzeria „Primavera“ getroffen. Wir haben ihm von unserer Gemeinde erzählt und einiges über seine Arbeit in Nigeria erfahren. Im Laufe des Gesprächs erzählte er von einem Besuch seiner bayerischen Gastgeber in Nigeria. Als Gäste wurden sie gefragt, wie ihnen Nigeria gefalle. Nachdem sich die Gäste untereinander (auf Deutsch) verständigt hatten, antworteten sie dann diplomatisch: „Das ist eine andere Welt“. Über diese Antwort hat sich Father Ewelu beim erzählen sehr amüsiert.
Da Father Ewelu seit über 20 Jahren regelmäßig im Sommer in Deutschland ist, konnte er uns die kulturellen und sozialen Besonderheiten afrikanischer Völker und die gesellschaftlichen Probleme eines postkolonialen Staates wie Nigeria verständlich machen.
Für die Übernachtung unseres Gastes haben wir im Exerzitien- und Gästehaus St. Vinzenz in der Kolonnenstraße in Schöneberg gesorgt.

Father Ewelu während der Messe in der St.-Bonifatius-Kirche

Der Montag begann für Father Ewelu mit der Co - Zelebration der Frühmesse in der St.-Bonifatius-Kirche, gemeinsam mit unserem Kaplan Ronald Prado. Da es an diesem Tag regnete, entfiel mein geplanter Gang auf den Kreuzberg und durch Kreuzberg. Stattdessen unternahm ich mit unserem Gast eine private Stadtrundfahrt, überwiegend durch den Westteil unserer Stadt (Holocaust-Mahnmal, Brandenburger Tor, Reichstag, Kanzleramt, Siegessäule, Kurfürstendamm, Gedächtniskirche). Zum Mittagessen lernte er die Markthalle am Marheineke Platz kennen und wir haben dort griechisch zu Mittag gegessen

"Geschichtsstunde im Schnelldurchlauf"

Der Nachmittag führte, bei nasskaltem, regnerischem Wetter, durch das „Historische Berlin“. Es wurde eine Geschichtsstunde im Schnelldurchlauf. Diakon Schönfeld führte unseren Gast zunächst zum Gendarmenmarkt und zur französischen Kirche (wie kamen die Hugenotten nach Berlin?), weiter zur Prachtstraße „Unter den Linden“ (was hat der Alte Fritz mit St. Hedwig zu tun?) und schließlich nach St. Hedwig (von außen). Von Innen besuchten wir das Kathedralforum im Bernhard Lichtenberg Haus, wo uns Diakon Bellin über die Situation im Erzbistum informierte, über die Citypastoral (wo 2 Mitglieder von St. Bonifatius seit vielen Jahren ehrenamtlich mitarbeiten) und über die Baumaßnahmen.

Weiter ging es über den Platz der Bücherverbrennung (was Father Ewelu völlig unbekannt war) zur Neuen Wache. Dieser Raum mit der Pieta von Käthe Kollwitz war so beeindruckend, dass unser Gast aus Afrika gar nicht mehr weg wollte. Unser Weg führte noch weiter zur Museumsinsel, dem Berliner Dom und dem neuen/alten Schloss.Die Fahrt mit der S- und U-Bahn schlossen diese Geschichtsstunde eindrucksvoll ab.

Abends trafen sich dann die anwesenden Bonifaten mit Father Ewelu in einem Nebenraum des Pfarrbüros. Es war ein unterhaltsamer und sehr informativer Abend. Wir haben viel erfahren über Nigeria, über das Volk der Igbo (gesprochen: „Ibo“), dem Father Ewelu angehört, und die vielen anderen Volksstämme in Nigeria, über den Biafra – Konflikt, über die Probleme zwischen Nomaden und Bauern in Nigeria, über die Probleme zwischen Christen und Muslims in Nigeria, über die Terroristen der Gruppe Boko Haram, über das Erbe der englischen Kolonialherrschaft und darüber, dass alles das auch miteinander zusammen hängt. Nigeria ist 2½ Mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland und wenn wir etwas aus Nigeria erfahren, dann sind es hauptsächlich die schrecklichen Meldungen. Father Ewelu hatte mehr das alltägliche im Blick, nicht die großen Konflikte.
Im Verlauf des Abends konnten die „Bonifaten“ für dieses Jahr Father Ewelu das Schul- und Studiengeld für unsere „Patenkinder“ persönlich überreichen. Dieser Abend hat hoffentlich allen, die dabei waren, gefallen und am Ende des Abends haben wir uns von Father Ewelu mit den besten Wünschen für ihn und für seine Arbeit in Nigeria verabschiedet.
Am nächsten Tag reiste unser Besuch leider schon wieder Richtung Bamberg ab und 2 Tage später kehrte er nach Nigeria zurück.

Andreas Taurit