St. Bonifatius

Katholisches Leben in der Mitte Berlins

On the Road

30.09.2014 / Redaktion

Liebe Gemeinde,

Im Monat Oktober finden zwei wichtige Reisen für unsere Pfarrei statt. Die erste ist die Gemeindefahrt nach Rom. Wir werden uns mit dem Pfarrer und zahlreichen Mitglieder aus unserer Gemeinde auf den Weg zur „ewigen Stadt“ machen und den Papst Franziskus besuchen. Die zweite bevorstehende Reise ist die Ministrantenfahrt nach Görlitz. Vom Pfarrer begleitet, werden die Ministranten eine Woche zusammen verbringen und Vieles erleben.

Das Reisen hat mich persönlich immer fasziniert. Schon als Kind bin ich sehr gerne mit meiner Familie im Sommer verreist. Ich war vor jeder Fahrt aufgeregt und glücklich. Neue Orte und manchmal neue Sprachen zu entdecken hatte für mich ein besonderes Geschmack. Als junger Mann habe ich dann angefangen, selbst mit meinen Freunden abenteuerliche Reisen zu organisieren. Oft mit wenig Geld in der Tasche sind wir durch ganz Europa gewandert und haben dabei alle mögliche Leute kennengelernt.

Aber es gibt noch eine andere Art und Weise zu reisen, eine ganz besondere, die sich deutlich von einem normalen Urlaub unterscheidet: eine Pilgerfahrt zu unternehmen. Wenn Christen sich zusammen tun, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, einen Wallfahrtsort, eine Kirche, eine Stadt, dann sind sie nicht einfache Touristen oder Urlauber, die nur Spaß haben wollen, sondern sie sind Pilger.

Das habe ich vor allem bei den vielen Weltjugendtagen erlebt, an denen ich im Lauf der Jahren zusammen mit anderen Jugendlichen und Erwachsenen teilgenommen habe. (Mein erstes Mal war 1995 in Loreto, Italien, und das letzte Mal war vor einem Jahr in Rio de Janeiro). Es waren unvergessliche Reisen, nicht nur wegen der Einzigartigkeit der Orten (Israel, USA, Australien, Brasilien...), sondern was sie so besonders gemacht hat, war eine persönliche Begegnung mit Gott. Zu erfahren, dass Gott mich begleitet, mir nahe ist und für mein Leben sorgt, das hat diese Reisen wunderschön gemacht.

Jede Pilgerfahrt hat meiner Meinung nach hauptsächlich fünf Merkmale. Das erste ist natürlich die Bewegung. Man macht sich auf den Weg, das heißt, man setzt sich in Bewegung. Man läuft viel länger als sonst, man sieht Vieles und geht am Abend erschöpft schlafen. Dabei entdecke ich plötzlich, dass ich mich normalerweise wenig bewege, schon seit langer Zeit kein Sport mehr getrieben habe und stattdessen (zu) viel Zeit vor dem Computer verbracht habe. Unvergesslich sind zum Beispiel die zehn Kilometer, die wir 2005 in Köln nach dem Treffen mit dem Papst gegangen sind, um unseren Reisebus auf dem riesigen Gelände wiederzufinden. Bewegung tut gut. Das ist schon ein Vorteil vom Pilgern, und zwar nicht nur physisch, sondern auch um die Faulheit zu überwinden.

Diese Bewegung bringt mich außerdem dazu, das eigene Zuhause zu verlassen. Und das ist das zweite Merkmal. Das ist erst unbequem. Zu Hause habe ich normalerweise alles, was ich brauche, alles ist auf seinem Platz und wenn ich etwas Anderes brauche, gehe ich einkaufen. Auf der Fahrt ist das begrenzt möglich. Ich muss in einen Koffer all das packen, was mir wirklich wichtig ist und damit leben. Am Abend komme ich nicht nach Hause, sondern in ein fremdes Bett. Wenn das am Anfang aufregend sein kann, kann es sich aber schnell im Lauf der Tage in etwas Belastendes verwandeln. Das Gute dabei ist, dass man gezwungen wird, aus dem gewohnten bürgerlichen Lebensstil eine Zeit lang herauszukommen. Ich kriege dadurch eine neue Sensibilität und Aufmerksamkeit für das Wesentliche im Leben und erfahre, dass Vieles, das ich vergöttlicht habe, im Grunde gar nicht so lebensnotwendig ist.

Der dritte Punkt ist eine gewisse Vorläufigkeit. Bei den Pilgerfahrten gibt es natürlich immer ein Plan wie bei jeder Reise, aber die Überraschungen sind nicht selten. Auf der Fahrt nach Paris 1997 hatte unser Bus eine Panne, und wir mussten einen ganzen Tag in einem Park darauf warten, dass er repariert wurde. Dabei haben wir das Mittagessen im Restaurant und die Übernachtung im Hotel verpasst. Man soll mit allem rechnen. Dabei lernt man, sich von gewissen Schemen und Vorstellungen zu befreien, und auf konkrete neue Situationen zu reagieren. Das ist auch gut für das Leben. Es passiert oft auch da, dass unsere Vorstellungen enttäuscht werden und wir uns etwas Anderes einfallen lassen müssen.

Als Viertes ist die Erfahrung der Gemeinschaft zu nennen. Es ist schön, mit anderen Menschen auf dem Weg zu sein. Aber durch das intensive Zusammenleben kann es auch anstrengend werden, vor allem da, wenn es kein „Feeling“ gibt. Da lernt man sich zu beziehen und zu konfrontieren mit vielen verschiedenen Charakteren. Man erlebt Freundschaft, Vertrauen und vielleicht auch Streit, Unverständnis und Versöhnung. Auch das ist sehr nützlich für das spätere Leben.

Und als letztes und auch wichtigstes: die Begegnung mit Gott, die mir eine neue Perspektive im Leben erschließt. Er liebt mich und geht auf dem Weg mit; er will, dass ich glücklich werde und hat mich dazu zu etwas berufen... zu heiraten? Priester oder Ordensschwester zu werden? Ich habe 2005 in Köln entdeckt, dass Gott mich einladen wollte, ins Priesterseminar einzutreten, um ein wunderbares Abenteuer anzufangen, das im Mai in diesem Jahr durch die Diakonenweihe seine Krönung gefunden hat (und zugleich den Anfang vieler anderen Abenteuer eröffnet hat). Aber auch wenn man älter ist, kann diese Begegnung mit dem lebendigen Gott neue Kraft und Mut schenken.

Deshalb möchte ich Ihnen allen, die sich in diesem Monat auf den Weg irgendwohin machen, wünschen, dass Sie diesen „Geist des Pilgers“ bekommen, um Gemeinschaft mit Gott und den Menschen zu erfahren, um wichtige Erlebnisse für das Leben zu sammeln und um mit neuer Kraft ins Alltag einsteigen können. Der Segen Gottes möge Sie begleiten.

Ihr Diakon Andrea Ciglia